IHR ... kennt mich nicht,
aber ICH kenne Euch.
Euer Lachen und auch Eure Tränen.
Eure Begeisterung, Euer Feuer und Eure Leidenschaft.
Ihr gebt mir alles, was Ihr habt.
Danke für Eure Wahrheiten und Eure Lügen,
Eure Offenbarungen und Inszenierungen.
Danke ... für Eure Legenden und Eure Geschichten.

                                                                    Euer        


Inhaltsverzeichnis

ooo  Abschied von Antonia
00.  Der perfekte Mord
0.     Abschied von Karsten
1.     Kreativ

2.     Wutschen und wedeln ...
3.     Von Fleischessern und Selbsthilfegruppen
4.     Wie der Tag ....
5.     Let's Keep the Candles Burning
6.     Ein Tisch - zehn Stühle
7.     The rest ...
8.     The same procedure as every year
9.     Die etwas andere Ostergeschichte
10.   Die Metamorphose
11.    Ordnung ist das halbe ...
12.   Das Familien-Event
13.   Wenn das Telefon klingelt
14.   Ich - Geburtstagsmuffel
15.  Weiß alles - kann alles - unzurechnungsfähig!
16.  Feiern, feiern, feiern … oder Der Perfektionist, das unbekannte Wesen

17.  Hilfe, ich habe Urlaub!



ABSCHIED von Antonia Maria Mehnert

27.08.2001— 05.11.2019

Ihr könnt darüber weinen,
dass Sie gegangen ist
oder Ihr könnt lächeln,
weil Sie gelebt hat.

Ihr könnt Eure Augen schließen
und beten, dass Sie wieder kommt
oder Ihr könnt sie öffnen und sehen,
was Sie an Gutem zurückgelassen hat.

Eure Herzen können leer sein,
weil Ihr Sie nicht sehen könnt
oder es kann voll Liebe sein,
die Sie für Euch und andere hatte.

Ihr könnt Sie im Herzen tragen
und Sie in Euch weiterleben lassen.

Ihr könnt weinen und ganz leer sein
oder Ihr könnt tun, was Sie von Euch wollte;
dass Ihr lächelt, Eure Augen öffnet,
Liebe gebt und weiter geht.

In stillem Gedenken
Marco, Ines und Anna-Maria Mehnert

Es gibt Dinge im Leben, die will man nicht - die braucht keiner.
Niemand. Nicht der schlechteste Mensch auf Erden, noch der Beste.

Den schweren Schicksalsschlag, der uns alle wieder einmal getroffen hat, kann man mit Worten nicht beschreiben. Ein böser Traum, aus dem man hofft, schnell wieder aufwachen zu können.

Es gibt keine passenden Worte, um zu beschreiben, was vor sich ging;
es ist so unfassbar schlimm.
Auch wir tun uns schwer damit, zu begreifen; wollen es einfach nicht akzeptieren, was geschehen ist.

Fassungslosigkeit, inneres Auflehnen, Klage und Protest, Erschrecken und Bitterkeit,
Wut und Trauer erfüllen uns aufs neue. Die Ordnung des Universums -
durcheinander.

Die Härte des Todes, der blühende Leben zerstört und Menschen, die sich lieben, auseinanderreißt, kann kaum deutlicher werden als jetzt. Es ist ein Tod zur falschen Zeit. Ein sinnloser Tod.  Ein Sterben, wie aus Versehen. Ein Überfall auf das Leben.

Und hinter all dem stehen die 1.000 Fragen nach dem Warum?
Warum geschieht so etwas? Warum trifft es uns alle so hart?
Warum sterben? Warum so früh wegmüssen, wenn das Leben - nach unserem menschlichen Maßstab - noch nicht gelebt ist?
Warum hergeben müssen, was so liebenswert und teuer ist?
Warum leiden müssen, wenn alles nach Glück und Freude ruft?

Man stellt doch eine CD nicht mitten in der schönsten Passage ab.
Man hört doch nicht mit dem Surfen im Internet auf, wo es gerade spannend wird.
Man wünscht sich doch keine Katze, über die man sich unbändig freut, um sie dann nach Wochen im Stich zu lassen.
Warum immer wieder Schlachten schlagen, wenn ein Sieg so aussichtslos?

Also:  Warum?

Es gibt keine zufriedenstellende Antwort; für niemanden von uns.
Rainer Maria Rilke schrieb:

„Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen.
Der Tod ist groß;
wir sind die Seinen, lachenden Munds;
wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen;
mitten unter uns!“

Und so trauern auch wir, um einer Mutter und den Geschwistern von Antonia die restliche Kraft zu geben, damit alle gemeinsam aus- und durchhalten.

Wir nehmen sie in unsere Mitte und stehen ihnen bei;
so hilflos, so unsicher und so ungeschickt, wie wir es können, um so für sie die schwersten Stunden erträglicher zu machen.

„Und wo immer Deine kleine Seele jetzt ist,
hoffen wir, dass es Dir gut geht und Du Dich freust,
wenn Du mit Deinen kleinen Engelsflügeln auf uns herabblickst.“

---

Still, still - seid leise …

Es war ein Engel auf der Reise.
Er wollte ganz kurz bei Euch sein,
warum er ging, weiß Gott allein.

Er kam von Gott, dort ist er wieder.
Wollte nicht auf unsere Erde nieder.
Ein Hauch nur bleibt von ihm zurück,
in Euren Herzen ein riesengroßes Stück.

Er wird jetzt immer bei Euch sein,
vergesst ihn nicht  - er war so fein.

Geht nun ein Wind, an mildem Tag,
so denkt, es war sein Flügelschlag.
Und Ihr fragt: Wo mag er sein?
Ein kleiner Engel ist niemals allein.

Er kann jetzt alle Farben sehn,
und
barfuß durch die Wolken geh‘n.
Und wenn Ihr ihn auch noch so sehr vermisst,
und weint, weil er nicht bei Euch ist,
so denkt, im Himmel, wo es ihn nun gibt,
erzählt er stolz:

„Ich werde geliebt!“

Alles Gute von uns geben wir Antonia gerne mit auf ihren letzten Weg ...
und alles Gute von Gott wünschen wir ihr dazu.
Ruhe sanft; ohne Schmerzen und Leid.




Der perfekte Mord
Es gibt Menschen, die haben keine Angst vorm Zahnarzt. Ich gehöre, im Gegensatz zu meinem Mann, der diesbezüglich eher masochistisch veranlagt ist und den Schmerz zu genießen scheint, definitiv nicht dazu. Ich habe panische Angst vor den nach meiner Meinung nach sadistisch veranlagten Medizinern. Und mal ehrlich? Was treibt einen dazu, anderen Menschen in der Nähe des wohlgehüteten Gehirns Schmerzen zuzufügen und sich daran noch zu erfreuen – und dies Tag ein Tag aus?

Und weil ich weiß, was es heißt, eine demütigende Wurzelbehandlung mit weit aufgerissenem Mund durchzustehen und danach in einem ohnmachtsähnlichem Anfall vom Stuhl zu kippen, verwandelt sich mein Gesicht schon Tage zuvor in eine grau-grün Masse. Es kommt mir so vor, als ob es kein Licht mehr gibt, am Ende des Tunnels. Bei jeder verstreichenden Stunde höre ich die Totenglocke läuten.

Und dann ist der Tag gekommen, an dem ich mich leidgeprüft in die Praxis des Folterknechts schleppe. Kein freundliches Lächeln – kein Wort zum Gruße an die Dame am Counter. Lediglich ein gequältes: „Hi Mr. Hyde!“ in Anlehnung an eine gespaltene Persönlichkeit, die mein Doc zu haben scheint, kommt über meine Lippen, bevor ich mich in den sogenannten Entspannungssessel mit Flachbildschirm an der Decke setze. Von wegen Entspannungssessel – Folterbank wäre der richtige Ausdruck für die nun folgende Prozedur.
Dabei heißt der Doc gar nicht Hyde, sondern Voss, was ihm wiederum eine bis zum Anschlag hochgezogene Augenbraue entlockt. Aber das kennt er schon. Nicht umsonst steht auf meiner Akte ein großes, rotes „AP“, wie ANGSTPATIENT.

Und was säuselt mir da seine unterbelichtete Barbie-Assistentin dauernd ins Ohr?
Ich bin nicht mutig!
Ich bin auch kein Held!
Alles das steht auf meinem T-Shirt, welches ich genau zu diesem Zweck trage.
Ist sie des Lesens nicht mächtig?
Ich habe eine scheiß Angst vor diesem Presslufthammer in meinem Mund. Meine Hände triefen und meine Speichelproduktion steigert sich von Minute zu Minute zu einem nicht mehr zu stoppenden Wasserfall.

Also flüchte ich in eine andere Dimension und plane den perfekten Mord; ohne jeglichen Skrupel. Da aber der heutige Stand der Forensik einem nur sehr wenig Spielraum für den perfekten Mord lässt und ich leider nach reiflicher Abwägung aller Möglichkeiten zu dem Schluss komme, erwischt zu werden, verwerfe ich die Idee, zumal 2/3 des Gesichts der Barbie-Puppe durch einen überdimensionalen Mundschutz verdeckt sind, was die Identifikation auf offener Straße so ziemlich erschweren dürfte.
Aber verlockend wäre so ein Mord schon.

Also male ich mir aus, wie ein Bekannter von mir - 1.80 m groß, breitschultrig und ein Bär von einem Mann - auf diesem Stuhl sitzt. Zitternd und den Tränen nahe. Denn er nimmt, im Gegensatz zu mir, schon Tage vor dem eigentlichen Zahnarztbesuch, wie ich weiß, bewußtseinsreduzierende Medikamente (… bin ich darauf neidisch? Öhm … jepp – ein wenig), weil auch er ist kein Held. Was mich irgendwie beruhigt. In meiner Fantasie nimmt er den Platz von Tom oder aber auch den Wile E. Coyote ein und bekommt mal so richtig eines auf die Glocke. Ich hingegen bin der Road Runner, was mich zutiefst befriedigt, da ich mal nicht als das schwache Geschlecht dieser Welt definiert werde.

Und schon ist alles vorbei. Mit erhobenen Hauptes, einem strahlenden Lächeln im Gesicht und mit leicht wippenden Schritten verlasse ich die Praxis.
Selbstbewusst und stark werde ich den nächsten Zahnarztbesuch antreten.
Mord im Abgang nicht ausgeschlossen.



ABSCHIED von Karsten Mehnert
14.07.1973 - 11.06.2019

Es gibt Momente, in denen die Sonne untergeht…
plötzlich mitten am Tag.
Wo es gerade noch hell war, herrscht wortlose Nacht.
Vom Dunkel umhüllt, dringt kein Schimmer mehr hindurch.
Warum?
Warum musste es ausgerechnet dich treffen?

Abschied von einem Sohn, einem Bruder, einem Onkel und einem Vater.

Das Unfassbare erfassen zu wollen,
das Unbegreifliche jetzt begreifen zu müssen,
verlangt von uns allen viel ab.

Karsten ist tot.
Er lebt nicht mehr.

Sein Tod—unerwartet für uns alle im Eintreffen.
Ihn zu realisieren,
ihn anzunehmen,
beansprucht Raum. Dazu bedarf es der Zeit.
Was bleibt ist das „WARUM“.

Es gibt keine Antwort darauf und wird es auch nie geben.
Der Tod von Karsten ist ein schwerer Schicksalsschlag—
der Tod eines Sohnes, des kleinen, großen Bruders und eines Vaters bedeutet allerdings eine besondere Härte. Sich vom eigenen Sohn und dem kleinen, große Bruder für immer verabschieden zu müssen, ist eine zutiefst schmerzhafte Erfahrung.

Die Trauer, die über uns gekommen ist,
die Trauer, die uns orientierungslos und gelähmt hat und es noch immer tut,
das Gefühl der Machtlosigkeit,
das revoltierende „NEIN“ zu diesem Lebensausgang
bleibt.

Die Erinnerungen, die aufsteigen,
die Gefühle und Empfindungen, die uns alle gefangen nehmen,
sind übermächtig.
Trauer ist, wie der Tod, vorstellbar - aber unmöglich nachzuempfinden.

Wir sind umgeben von dunkler Nacht und unser bisheriges Leben scheint wie ein Kartenhaus in sich zusammenzusacken.
Alles, was uns gerade noch froh und glücklich gemacht hat,
ist in Sekundenschnelle verschwunden - alles droht über uns zusammenzubrechen.
Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit und Schmerz sind die Gefühle, die uns beherrschen.
Stumme Verzweiflung.

Sich an Karsten erinnern bedeutet:
Wiederholung.
Heraufholen, was schon fast vergessen war.
Erinnerungen an gemeinsame Stunden,  gemeinsame Erlebnisse werden wieder präsent.

Der Tod macht vor keinem Halt—gehört zum Leben mit dazu
und doch packte er uns in diesem Moment gnadenlos von hinten.

Aber alles bekommt er (der Tod) trotzdem nicht.

Denn Erinnerungen an die Wegstrecken mit Karsten, die bleiben hier,
die kann uns keiner mehr nehmen.
Erinnerung an hin heißt: „Noch einmal …“

Wir sind mit Karsten noch nicht fertig.
Sein Leben ist zu Ende, aber noch nicht fertig, sodass wir sagen könnten:
so oder so sei es—sei er gewesen. Noch nicht!

Von seinem Leben reden heißt, von uns allen zu reden.
Von Stationen seines Weges, von Orten und von den Menschen—
unterschiedlich im jeweiligen Erleben.

In der zu kurzen Zeitspanne zwischen der Nachricht über seinen Tod und der
Notwendigkeit, jetzt von ihm Abschied zu nehmen, ist uns allen der Tod als höchst lebendig gegenwärtig.  Die Trauer über seinen Tod ist die Trauer um sein Leben.

Ein Leben voller unerfüllter Träume.
Ein ständiges Grübeln und brüten, wenn er nicht gerade mit seinen Ängsten und seelischen Tiefen beschäftigt war und sich dadurch manchmal von uns  abwandte.

Zuviel Unsicherheit und noch mehr Verlorenheit.

Ein Mensch, der sich die Probleme eines ganz normalen Alltags schnell zu Herzen und Kritik stets persönlich nahm.
Stimmungswechsel … und zwar von jetzt auf gleich.
In einem Moment mit sich und der Welt im Reinen, nur um sich im nächsten Moment ins Bett zu verkriechen und die Decke über den Kopf zu ziehen.
Manchmal auch ein zorniger Mensch. Zornig auf sich selbst, angesichts seiner eigenen Unzulänglichkeit und damit ärgerlich auf die ganze Welt.

Luther übersetzte die lateinischen Worte einmal mit:
„Du sollst dir kein Bildnis machen …“
Und das werden wir auch nicht, denn wir alle sind keine Heiligen.
Denn dieses über sich selbst Richten hat Karsten in den letzten Jahren zur Genüge getan.

Wir liebten ihn dennoch:
diesen kleinen, großen, nervigen, zankenden, weinenden und leidenden Sohn und Bruder.

Er hat uns verrückt gemacht und oft mit seiner unglaublich sturen Art, seiner Sichtweise auf alltägliche Dinge zur Weißglut gebracht.
Aber egal wie: Er war ein Sohn, ein Bruder, ein Onkel, ein Vater.

Und er war ein Freund.
Ein Freund, der, wenn Hilfe nötig war, einsprang und noch viel mehr.

Er war UNSER.

Am 4.07.2019 war der unvergleichlich letzte Abschied, gegenüber allen früheren
Abschieden. Unwiderruflich.

Wir halten inne und hoffen, dass wir seinen Erwartungen entsprochen haben.

Sein Leben: es geht nicht verloren.
Geht weiter in uns. Jeder trägt ein Stück von Karsten‘s Wesen mit sich.
Es soll uns daran erinnern, was uns im Leben wichtig ist. Wo wir geben und
wo wir über uns hinauswachsen.

     Sei noch ein wenig bei uns,
     lass uns Dich noch eine Weile spüren,
     bis wir langsam—nach und nach—loslassen können,
     was nicht zu halten ist.

Wir empfehlen dich einer höheren Macht.
Sie soll dich beschützen und behüten.
Sie soll dir Trost spenden, sich deiner erbarmen und dir vergeben.
Sie spende dir Kraft und schenke dir grenzenlosen Frieden.

Frieden in Form von herrlichen Farben. Einer Mixtur von Postkartenkitsch,  Picture-Dateien, bunter Blumenwiesen aus Ölfarbflecken, Silhouetten nebelverhangener Berglandschaften, glitzernder Seen.
Ein Sammelsurium aus „Der Zauberer von Oz“ und „Somewhere over the rainbow“.
Sie gebe dir Geborgenheit, eine ewige Heimat, bedingungslose Liebe.

Wir wünschen dir, dass du den Weg nicht aus den Augen verlierst.
Dass dich jemand empfängt und du dich nicht alleine fühlst.

Unser guten Wünschen, unsere guten Gedanken, unsere Erinnerungen,
unser Verzeihen, unser Hoffen und unsere Tränen begleiten dich.
Unsere Liebe umgibt dich.

In diesem Sinne:

Adieu, Karsten.
Ruhe sanft und finde Frieden.



Kreativ

Weihnachten! Grrrr !!!!
„Last Christmas“-Dauerschleife im Radio, Stress mit dem Entenbraten, Gottesdienst mit altbackener kirchlicher Sprache, die keiner so richtig versteht, einer Abfolge von Gebeten und Liedern, wo kein Ton so richtig sitzt - na jedenfalls bei mir nicht - und stumpfer Predigt ohne Abwechslung; Tante Inge‘s selbst gestrickte Socken, die kratzen und über Jahre hinweg im Schrank ihr Dasein fristen.

Mein Stoßgebet gen Himmel:
Warum kann es denn nicht mal anders sein, am ach so Heiligen Abend?

Und tatsächlich: Ich wurde erhört!
Die traditionelle Weihnachts-Predigt kam mit wenigen Minuten und in zeitgemäßer Sprache aus und unser Pfarrer, der an sich schon eine Marke für sich ist (er hat den Tiger im Tank (Biker), einen gesegneten Appetit (ist Stammgast beim McDrive) und lässt sich zur Pünktlichkeit nicht zwingen), wurde auch noch originell.

Hier sein Gottesdienste mit kreativem Inhalt:

Säugling im Stall gefunden.
Polizei und Jugendamt ermitteln - Schreiner aus Nazareth und unmündige Mutter vorläufig festgenommen.

BETHLEHEM, JUDÄA, dpa
In den frühen Morgenstunden wurden die Behörden von einem besorgten Bürger alarmiert. Er hatte eine junge Familie entdeckt, die in einem Stall haust. Bei Ankunft fanden die Beamten des Sozialdienstes, die durch Polizeibeamte unterstützt wurden, einen Säugling, der von seiner erst 14-jährigen Mutter, einer gewissen Maria H. aus Nazareth, in Stoffstreifen gewickelt in einer Futterkrippe gelegt worden war.
Bei der Festnahme von Mutter und Kind versucht ein Mann, der später als Joseph H., ebenfalls aus Nazareth identifiziert wurde, die Sozialarbeiter abzuhalten. Joseph, unterstützt von anwesenden Hirten, sowie drei unidentifizierter Ausländer, wollte die Mitnahme des Kindes unterbinden, wurde aber von der Polizei dran gehindert.
Festgenommen wurden auch die drei Ausländer, die sich als „weise Männer“ eines östlichen Landes bezeichneten. Sowohl das Innenministerium als auch der Zoll sind auf der Suche nach Hinweisen über die Herkunft dieser drei Männer, die sich anscheinend illegal im Land aufhalten. Ein Sprecher der Polizei teilte mit, dass sie keinerlei Identifikation bei sich trugen, aber im Besitz von Gold, sowie von einigen möglicherweise verbotenen Substanzen waren. Sie widersetzten sich der Festnahme und behaupteten, Gott habe ihnen angetragen, sofort nach Hause zu gehen und jeden Kontakt mit offiziellen Stellen zu vermeiden. Die mitgeführten Chemikalien wurden zur weiteren Untersuchung in das Kriminallabor geschickt.
Der Aufenthaltsort des Säuglings wird bis auf weiteres nicht bekannt gegeben. Eine schnelle Klärung des ganzen Falls scheint sehr zweifelhaft. Auf Rückfragen teilte eine Mitarbeiterin des Sozialamtes mit: „Der Vater ist mittleren Alters und die Mutter ist definitiv noch nicht volljährig. Wir prüfen gerade mit den Behörden von Nazareth, in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen.“
Maria ist im Kreiskrankhaus in Bethlehem zur medizinischen und psychiatrischen Untersuchung. Sie kann mit einer Anklage rechnen. Weil sie behauptet, sie wäre noch Jungfrau und der Säugling stamme von Gott, wird ihr geistiger Zustand näher unter die Lupe genommen. In einer offiziellen Mitteilung des Leiters der Psychiatrie steht: „Mir steht nicht zu, den Leuten zu sagen, was sie glauben sollen, aber wenn dieser Glaube dazu führt, dass - wie in diesem Fall - ein Neugeborenes gefährdet wird, muss man diese Leute als gefährlich einstufen. Die Tatsache, dass Drogen, die vermutlich von den anwesenden Ausländern verteilt wurden, vor Ort waren, trägt nicht dazu bei, Vertrauen zu erwecken. Ich bin mir jedoch sicher, dass alle Beteiligten mit der nötigen Behandlung in ein paar Jahren wieder normale Mitglieder unserer Gesellschaft werden können.“
Zu guter Letzt erreichte uns noch diese Info:
Die anwesenden Hirten behaupteten übereinstimmend, dass ihnen ein großer Mann in einem weißen Nachthemd mit Flügeln (!) auf dem Rücken befohlen hätte, den Stall aufzusuchen und das Neugeborene zu seinem Geburtstag hoch leben zu lassen.
Dazu meinte ein Sprecher der Drogenfahndung: „Das ist so ziemlich die dümmste Ausrede vollgekiffter Junkies, die ich je gehört habe.“

Bilanz des Abends:
Geht doch!

Wenn gleich sich doch zuerst eine merkwürdig bedrückende Sprachlosigkeit im Raum ihren Weg bahnte. Ein so traditionsbehaftetes Fest mit Humor oder wenn man so will, kabarettistischen Zügen aufzuwerten, verwirrt, wenn spießiges Programm gewöhnt ist.

Aber auch hier gilt meiner Meinung nach:
Wer über Religion nicht auch mal lachen kann, der ist kein wirklich Glaubender, denn der Inhalt der Botschaft bleibt doch stets der gleiche.

Und glaubt mir: Ich konnte lachen - und wie :-))!

Wutschen und wedeln und wisch und … ups alles weg

„Du brauchst es, den alle haben es; du nicht?“ war immer wieder der Kommentar, wenn die Diskussion nach einem neuen Handschmeichler zur Sprache kam.
Nun bin ich seit einigen Wochen auch stolzer Besitzer eines „Zewa-wisch und weg-Handys“ und … mit einem Wisch war alles weg. Ups!? Panikattacke.

Ich habe mich ja lange gegen dieses neue Spielzeug gewehrt, aber da sich ja alles immer schneller und radikaler verändert, sodass OHNE noch nicht einmal mehr irgendetwas funktioniert, musste ich wohl oder übel mitziehen.

Noch immer habe ich aber so meine Aggressionen gegen die Überall-Quatscher, die Angeber, die jeder böse Blick erst recht dazu anstachelt, Gespräche über Pseudowichtigkeiten, wie Kneipentreff oder Yoga-Kurstermine, weiterzuführen. Beim Bäcker, beim Frisör, bei Lidl an der Kasse, sogar auf der Toilette - Handys bimmeln überall.

Die Kreation des Kommunikationszeitalters ist ja weiß Gott nützlich, denkt man nur daran, dass auch Ärzte, Polizisten und Müllmänner die Jackentaschen-kompatiblen Telefone mit sich herumtragen. Rechtsanwalt- und Zahnarzt-Organisationskram muss nicht mehr aufs Festnetz verschoben werden. Und auch anstehende, niedere Hausarbeiten lassen sich schon im Auto oder Bus eruieren:
"Sach ma, ham wa eijentlich noch Brot zu Hause? Nee? Na, denn bring ick welchet mit!"

Aber es nervt trotzdem, denn es bleibt dabei so einiges auf der Strecke.
Ständig bin ich hin- und hergerissen zwischen meinem Bedürfnis nach Ruhe und dem Anspruch, den die überdurchschnittlich extrovertierte Gesellschaft nun durch Voicemail oder WhatsApp an mich stellt.

Aber einiges davon hat auch so seine witzigen Seiten.

Zum Beispiel ist der virtuelle Spielzeugladen nun eines meiner beliebtesten Ziele. Mein Gott was tun sich da für Möglichkeiten für mich auf.

Der Trend: Sein Leben von vorne bis hinten zu vermessen. Sehr kurios.
Wenn ich wöllte, könnte ich nun meine Joggingrunden aufzeichnen lassen, was ich natürlich nicht tue, da ich nicht joggen gehe; ich könnte lustfeindlich jede zu mir genommene Kalorie protokollieren, auch meine Herzfrequenz, aber die muss weiterhin ohne meine Aufmerksamkeit auskommen, solange sie im Normalbereich rumdümpelt. Wenn ich zu wenig getrunken habe, meldet sich mein Körper immer noch von selbst - keine technische Spielerei.

Kurzum: Ich hatte es noch nie so mit der Buchhaltung meines Körpers und bin bei der personenbezogenen Datenaufzeichnung, die sich mittlerweile „Quantified Self … Dings-Bums“ nennt, noch nicht mal passives Mitglied. Warum auch? Ich kann sowieso mit organisierten Gruppenaktivitäten und regelmäßig stattfindende „Meetups“ nicht besonders viel anfangen. Sollen doch andere ihre Logbücher über jede Minute ihres Lebens führen, es ändert nichts an der Tatsache, dass jeder mit sich und seinem Körper überlegt und sorgfältig umgehen sollte.

Und dann bin ich doch bei einer dieser App’s hängen geblieben. Dem „Sleep Talk Recorder“.

Meine Nachtaktivitäten aufzeichnen lassen - oh ja bitte. Mal sehen was dabei rauskommt.
Ich erwartete eine Art Hörspiel, was ich mir jeden Morgen beim Kaffeetrinken reinziehen konnte, weiter nichts.

Dass ich schon öfter über die Matratze robbte, um dann auf der anderen Seite des Bettes herunterzufallen, war und ist nichts Neues für mich. Aber bitte fragt mich nicht warum ich dies tat.
Mit 21 habe ich eine Weile an der Kasse gearbeitet. Ich nahm diese Aufgabe offenbar sehr ernst, sodass ich auch nachts nicht aufhörte, Dinge über das Laufband zu schieben, bis der mitfühlende Mensch neben mir meinen Kopf tätschelte und sagte: „Schluss für heute.“

Und auch noch Jahre später, als ich schon Office-Manager war und nachts Telefonton-Imitationen von mir gab, fragten mich meine Mitmenschen, warum ich nachts mehr von mir geben würde als sonst. Aber ich glaub, introvertierte Menschen, wie ich es bin, sind einfach so, denn nachts bricht sich nun mal alles seine Bahn, was tagsüber von mir selbst zensiert wird.
Ob man das dann wirklich alles wissen will, ist natürlich eine andere Frage.

Wer sich selbst bespitzelt, muss mit dem Gehörten leben, so wenig schmeichelhaft es auch sein mag.

Nach mehrmaligem Lauschangriff auf mich selbst lautete die erschütternde Erkenntnis: Ich schnarche! Ich konnte es ja fast nicht glauben.
Bin ich bereits in den Wechseljahren oder mutiere ich nachts zu einem dieser Happy-Hippo‘s?

Und das ist leider noch nicht alles:
Auch gebe ich eine Art Schmatzen von mir, das sich anhört, als würde unser Kater mächtig reinhauen.

Und: Ich knirsche mit den Zähnen! Wie furchtbar.

Gesprochen habe ich auch.
„Mach ich morgen“, war auf der Aufzeichnung zu hören. Ein erschütterndes Bekenntnis für eine Erledigungsblockade, die mich bis auf die Bettkante verfolgt.

Schlussendlich: App wieder gelöscht und zu der Erkenntnis gekommen:
Ich brauche ganz dringend Urlaub.

Von Fleischessern und Selbsthilfegruppen

Schlechte Charaktereigenschatten gibt es in Massen. Der eine flucht im Auto, der andere drängelt sich in jeder Schlange vor. Manche trinken gern einen über den Durst, reden dann zu laut, kommen einem zu nahe oder sind einfach nur ... Schwätzer.
In unserer Familie gibt es einen seltenen, in der heutigen Zeit fast schon ausgestorbenen Makel, der besonders Mutter und Tochter genetisch getroffen hat.
Wir leiden beide an Futterneid sobald Essen ins Spiel kommt. Befinden sich weitere Menschen im Raum, beginnen unsere Synapsen zu feuern.

Bei einem Buffet zum Beispiel überschlägt unser Kind kurz vor der Eröffnung, wie weit der Weg zu den Tellern ist, ob sich die potenziellen Konkurrenten um die Leckereien bereits von ihren Stühlen erheben oder wie üppig die Auslagen mit Futter belegt sind.

Oft lässt sie beim Sturm auf das Buffet der Höflichkeit wegen wenigstens einen vor, damit sie nicht der Erste ist. Der vor ihr will eh nur an das Grünzeug, während Töchterchen als Zweiter in der Reihe den Fleischtrog mit der großen Kelle ausweiden kann. Es ist schon vorgekommen, dass ich sie bei gebratenem Hühnchen oder beim Krustenbraten knurren gehört habe, wenn hinter ihr einer zu drängeln beginnt. Aber ich kann mich auch irren.


Wird bei den potenziellen Schwiegereltern ein Kuchen gereicht, werde ich - die Mutter - zum Mathematiker. In wie viele Stücke wurde der Kuchen zerschnitten? Wie viele Personen sind anwesend? Wie viele Stücke bekommt dann jeder? Sind einzelne Stücke größer als andere? Insbesondere beim Schokoladenkuchen, welcher wirklich unheimlich lecker ist, bin ich versucht, den Finger in den Mund zu stecken, um dann alle Stücke der Reihe nach zu berühren -meins, meins, meins!

Für jemanden, der an Futterneid leidet, gibt es eine soziale Thematik, die absolut inakzeptabel ist und die sofort für einen steinernen Kloß in unser beider Magengrube sorgt. Das ist das -Teilen. Jemand, der Futterneid hat, teilt nicht. Wir haben diese Diskussion immer wieder, wenn es um das gesellige Fleischessen im Allgemeinen und ganz besonders beim Fondue geht.


Dann kommt immer jemand aus der Bekanntschaft auf die Idee, jeden einzelnen der Spieße einfach vollzupacken, in den Topf zu bugsieren - und jeder nimmt sich dann einfach irgendwas. Was ist das denn für eine grauenhafte Idee? Besser ist es, sich seine eigene Ecke im Topf zu erkämpfen, hier die besten Fleischstücke zu bunkern, um dann mit Stücken von Brot einen Verteidigungswall gegen den Rest der hungrigen Sippschaft aufzubauen.

‚Männe‘ meckert immer, zwecks unseres Makels. Er gibt ohne Nachzudenken die schönsten, besten und leckersten Essensstücke an den Nächstbesten weiter. Das würde uns, sprich meiner Tochter und mir, nie in den Sinn kommen. Wer hier etwas will muss kämpfen lernen - und schließlich braucht man ja auch gar nicht so viel zu essen.


Immerhin: Bei jedem Raubtier bekommen die Alphatiere die ersten Bisse. Und verteidigen ihre Beute mit wütendem Grunzen gegen den Rest der Familie.
Ganz schlimm ist der Futterneid bei unserer Tochter ausgeprägt. Beim besagten Kuchen schauen wir uns über den duftenden Kuchen hinweg an -mit in bester Westernmanier zusammengekniffenen Augen und der Gabel in der Hand. Dann stechen wir blitzschnell zu. Wer zuerst die Gabel im größten Kuchenstück versenkt, gewinnt.

Regelmäßige Duelle gibt es auch mit meiner Freundin. Müssen wir uns einen XXL-Burrito oder Riesen-Nachos teilen, dann gönnt keiner dem anderen auch nur einen Bissen. Das Gute ist, dass unsere Mägen oft kleiner sind als die Gier. Und nach ein paar gierig herunter geschlungenen Bissen sorgt die einsetzende Sättigung für das Aufkeimen von Höflichkeit: "Bitte schön, ich bin schon satt, den Rest darfst du gern haben." -"Ach nein, ich gönne dir das. Lang ruhig ordentlich zu."

Ich glaube, wir müssen eine Selbsthilfegruppe gründen.


                                                                                                                                      (Inspiriert von Hr. Scheibe)


Wie der Tag, so dauert auch das Leben
nicht ewig.
Doch die Erinnerung bleibt für immer hell und klar ...

Ein Lyriker hat einmal geschrieben:

"Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein
Land der Toten; als Brücken dazwischen ist
unsere Liebe."


In wünschte, der Grund, warum ich dies schreibe, wäre ein anderer.
Dieser Moment der Wahrheit kam für mich - für uns alle - zu früh und zu unerwartet.

Auch wenn ich bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus geglaubt habe, wir haben noch Zeit miteinander ...
wenn die Kraft schwindet, liegt die Gnade in der Erlösung.

Nachdem die Kräfte bei meiner Mutter endeten, war es kein Sterben, sondern die Erlösung.

Alles im Leben hat seine Zeit;
- die der Liebe,
- des Glücks und
- die der Freude;
- die Zeit des Leidens und der alltäglichen Sorgen.
Nun ist Letzteres vorbei ...
Die Liebe bleibt aber beständig.

Alles im Leben hat seine Zeit.
Sei es die Zeit der Stille, die Zeit des Schmerzes
sowie der Trauer;
allen voran jedoch auch die kostbare Zeit der dankbaren Erinnerung.

Auch wenn meine Mutter nun nicht mehr unter uns ist, so bleibt sie stets in meinem Herzen.

" ... Da ist ein Land der Lebenden. ..."

Ich habe dieses Land mit ihr erleben dürfen.
Viele ihren Weggefährten sind mit ihr einige Schritte gegangen - andere fast den gesamten Lebensweg.

Wir alle kennen den Psalm 23.
'Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er lagert mich auf grünen Auen und führet mich zu stillen Wassern.'

Seit Beginn der Christenheit ist dies der Text, der am häufigsten bei Beerdigungen gelesen wird. Und genau diese Worte - dieses unendliche Vertrauen auf Gott ist es, was ich ihr mit auf den Weg geben möchte.

'Mir wird nichts mangeln ...'
Welch eine Garantie und Gewissheit kommt durch diese Worte zum Ausdruck. Es ist gewiss und absolut sicher, dass kein Mangel auftreten wird.
'Er lagert mich auf grünen Auen ...'
Ein Bild der völligen Zufriedenheit.
Die stillen Wasser reden von Ruhe; von einem inneren Frieden, der durch äußere Einflüsse nicht gestört werden kann.

Meiner Mutter ist in den letzten Tagen viel zugemutet worden. Das Leid bedrückt mich noch immer und wird es auch noch eine ganze Zeit lang weiter tun, denn nun ist sie gegangen.
Plötzlich ist sie nicht mehr da - niemand ist mehr da - weder mein Vater noch sie, meine Mutter - und niemand von uns kann es fassen oder begreifen; am wenigsten ich. Allein - verwaist - sind Gedanken, die mich in diesem Moment ergreifen.

Doch nun, da ich von ihr Abschied nehmen musste, will ich sie nicht nur als leidende Frau, die sie in ihrer Krankheit war, sehen. So will ich sie NICHT in Erinnerung behalten!

Nun ist es an der Zeit, meinen Blick wieder zu öffnen und sie so zu sehen, wie SIE war: ---

Sie war eine resolute Frau.
Voller hoher Maßstäbe und strenger Prinzipien.
- Eigensinnig,
- kämpferisch,
- gebündelt dynamisch,
- manchmal etwas diffus,
- emotional ohne jegliche Form,
- intensiv     und
  wenn sie frustriert war, nörgelig.

Sie war eben Andersartig - gemixt mit einem kleinen Schuss Exzentrik.

Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, meisterte sie mit manchmal ganz unorthodoxen Methoden, die auf andere schon mal leicht schräg oder skurril wirkten.

Sie kämpfte wie eine Löwin für ihren Bruder und war Motor und Kraft bis zur völligen Erschöpfung für meinen Vater.

SO! ... will ich mich an sie erinnern.
Als Frau voller Lebenskraft, Engagement, etwas Exzentrik und voller Liebe für ihre Angehörigen.

Sie verstrickte sich ins Leben anderer und das mit großer Hingabe. Aber sie gehörte nicht zu den sich zur Schau stellenden Wohltätern, die als Entgelt für ihre Bemühungen Anerkennung verlangten.
Wenn ich auf ihr gesamtes Leben blicke, sehe ich sie auch als lebenslustige Jugendliche. Ich sehe Hochzeitsbilder, ich sehe eine glückliche Mutter ... ich sehe eine Frau die liebt und da ist, wenn man sie braucht. Ich sehe ihre Wünsche und Hoffnungen, von denen sich viele erfüllten.

Gemessen daran war sie nur für kurze Zeit eine kranke, leidende Frau.
Ich darf sie gern als einmalige, starke Frau und Mutter in Erinnerung behalten.
Und darum sage ich mitten in meine Traurigkeit hinein: DANKE! ...


"Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten ..."

Über dieses Land der Toten kann ich nichts sagen. Dahin ist sie nun unterwegs.
Ich weiß nicht, wie es dort ist und was sie dort erwartet.
Ich kann ihr nur hilflos nachblicken.
Ich gebe ihr aber alle guten Wünsche mit auf den Weg, den sie nun geht - allein.
Alles Gute wünsche ich ihr zum Abschied.
Meine guten Wünsche, meine guten Gedanken, meine Erinnerungen, unser Verzeihen, meine Hoffnung und meine Tränen schicke ich auch in ihre (neue) Welt.

Alles Gute von mir gebe ich ihr gerne mit auf ihren Weg ...
und alles Gute von Gott wünsche ich ihr dazu:

Seinen Trost,
sein Erbarmen,
seine Vergebung,
seinen Schutz,
seine Güte und Gnade
und auch seine Kraft, dass er ihr grenzenlosen Frieden schenkt,
innige Geborgenheit,
ewige Heimat,
seine bedingungslose Liebe.

Gott öffne ihr die Tür und lade sie ein.
Er breite seine Arme aus, umarme sie und schenke ihr ewige Geborgenheit.
Er reiche ihr die Hand und führe sie in das Land des ewigen Friedens.

     So geh du nun ... ich lasse dich los.
     Ich wünsche dir, dass du den Weg nicht aus den Augen verlierst.
     So geh du nun ... ich blicke dir nach.
     Ich wünsche Dir, dass du das ewige Licht am Horizont siehst.
     So geh du nun ... denn all meine guten Gedanken begleiten dich still.

     Ich wünsche dir, dass du hörst, wie jemand dich ruft.
     Ich wünsche dir, dass du dich nicht alleine fühlst.
     Mögest du wissen, dass jemand dich empfängt.

     So geh du nun ... meine Liebe umgibt dich.
     So geh du nun ... in Frieden, denn mein Dank, dass ich dich haben
     durfte begleitet dich.

     DANKE - für alle Liebe,
     DANKE - für alles andere, was du gegeben hast.
                       Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, dir viel davon zurückzugeben.

Ruhe sanft und habe Frieden.

                                                                             Deine Ines
                                                                    (Ich vermisse dich; du kleine "nervige" Frau & Mutter - aber du warst eben meine Mutter!)

12.02.1941 - 10.09.2017

Celine Dion: Ave Maria                                                 https://www.youtube.com/watch?v=RiQqPy6qPA0
Jeff Buckley: Halleluja                                                  https://www.youtube.com/watch?v=WIF4_Sm-rgQ
Andrea Bocelli: Time to say goodby                           https://www.youtube.com/watch?v=VYpd-2buQc0



                       
Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen,
                                Ich bin ich - Ihr seid ihr. Das, was ich für Dich war,
                                bin ich immer noch.
                               Gib mir den Namen, den Du mir immer gegeben hast.
                               Sprich mit mir, wie Du es immer getan hast;
                               gebrauche nicht eine andere Lebensweise.
                              Sei nicht feierlich oder traurig,
                              Lache weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
                              ICH bin nicht weit weg --
                              ich bin nur auf der anderen Seite des Weges.
                                                                                                                       (Unbekannt)

Weihnachten
kommt immer so überraschend und plötzlich

Auch Weihnachten geht mit der Zeit:
Schluss mit den alten Begriffen wie Nikolaus, Engel, Advent.
Heutige Fest-Anhänger sagen es viel treffender mit Hilfe von nützlichen Marketing-Fachausdrücken
.

Wie Weihnachten in den letzten Jahren gezeigt hat, heißt das Weihnachten nicht mehr Weihnachten, sondern X-mas, also müsste der Weihnachtsmann auch X-man sein! Oder?
Da X-mas quasi schon vor der Tür steht, war es spätestens ab März höchste Zeit, mit den Weihnachtsvorbereitungen zu beginnen – Verzeihung: das diesjährige Weihnachts-Roll-Out zu starten und die Christmas-Mailing-Aktion just-in-Time vorzubereiten.
Hinweis: Die Kick-Off-Veranstaltung (früher 1. Advent) für das diesjährige SANCROS (Santa Claus Road Show) findet bereits am 27. November statt. Daher wurde das offizielle Come-together des Organizing Committees unter Vorsitz des CIO (Christmas Illumination Officer) schon am 6. Januar abgehalten.

Erstmals wurde ein Projektstatus-Meeting vorgeschaltet, bei dem eine in Workshops entwickelte „To-Do-Liste“ und einheitliche Job-Descriptions erstellt wurden. Dadurch sollen klare Verantwortungsbereiche, eine powervolle Performance des anstehenden Events und optimierte Geschenk-Allokation geschaffen werden, was wiederum den Service-Level erhöht und außerdem hilft, „X-mas“ als Brandname global zu implementieren. Dieses Meeting diente zugleich dazu, mit dem Co-Head des Global Christmas Markets (formerly Knecht Ruprecht) die Ablauf-Organisation abzustimmen, die Geschenk-Distribution an die zuständigen Private-Schenking-Centers sicherzustellen und die Zielgruppen klar zu definieren. Erstmals sollen auch so genannte Geschenk-Units über das Internet angeboten werden.

Die Service-Provider (Engel, Elfen und Rentiere) wurden bereits via Conference Call virtuell informiert und die Core-Competences vergeben. Ein Bündel von Incentives und ein separater Team-Building-Event an geeigneter Location sollen das Motivationslevel erhöhen und gleichzeitig helfen, eine einheitliche Corporate Culture samt Identity zu entwickeln. Der Vorschlag, jedem Service-Provider einen Coach zur Seite zu stellen, wurde aus Budgetgründen zunächst gecancelt. Stattdessen wurde auf einer zusätzlichen Client Management Conference beschlossen, in einem Test Market als Pilotprojekt eine Hotline (0,35 Ct/Minute) für kurzfristige Weihnachtswünsche einzurichten, um den Added Value für die Beschenkten zu erhöhen.


Durch ein ausgeklügeltes Management Information System (MIST) ist auch benchmark-orientiertes Controlling für jedes Private-Schenking-Center möglich. Nachdem ein neues Literaturkonzept und das Layout-Format von externen Consultants (Osterhasen Associates) definiert wurde, konnte auch schon das diesjährige Goldene Buch (Golden Book Release 2016.1) erstellt werden. Es erscheint als Flyer, ergänzt um ein Leaflet und einen Newsletter für das
laufende updating.

Hochauflagige lowcost Giveaways dienen zudem als Teaser. Ferner wurde durch intensives Brainstorming ein Konsens über das Mission Statement gefunden. Es lautet: „Lets Keep the Candles Burning“ und ersetzt das bisherige „Frohe Weihnachten“.

X-man hatte zwar anfangs Bedenken angesichts des Corporate Redesign.
Er akzeptierte aber letztendlich den progressiven Consulting-Ansatz, auch im Hinblick auf das Shareholder Value, und würdigte das Know-how seiner Investor-Relation-Manager.

In diesem Sinne: Let's Keep the Candles Burning

© WeltN24 GmbH 2016.


Ein Tisch, zehn Stühle

Essen hält Leib und Seele zusammen. Liebe geht durch den Magen.
Wer gerne isst, hat auch gern Gesellschaft. Genau so is(s)t es.

Jawohl!

Gestern saßen zehn Menschen an einem Tisch. Es ist nicht mein Tisch aber es ist der ultimative GenussSalon.

Seit Jahren versammeln sich diese Menschen an diesem einen Tisch; mal mehr, mal weniger in der Gesamtzahl. Aber sie haben alle etwas gemeinsam:
Sie wollen Genuss und einen geselligen Moment mit Gesprächen und Lachen; mal mit einem Thema, mal mit Musik.
Das Miteinander steht im Vordergrund.

Ein herziges Hallo, ein zweites Ach ja? Der Moment bringt die Gespräche in Gang. Eine Frage nach dem Dies, eine zweite nach dem Jetzt und schon dreht sich der Tisch wie ein Walzer. Passend zum Tanz in den Mai.
So bewegen sie sich immer weiter, die Worte. Ein Schritt nach links, ein Wort nach rechts. Eine Drehung mehr und gleich zwei Sätze hinterher.

Da lacht die Siebzehnjährige mit der Siebzigjährigen über die gemeinsame Leidenschaft zur Tupperware. Da sagt die Frau zu ihren Ehemann: "Liebe geht eben doch durch den Magen."

Leicht tanzen wir mit unseren Worten durch den Nachmittag. Fröhlich lassen sich alle aufeinander ein.
Hier und da klirrt mal ein Glas, untermalt vom gemeinsamen Lachen.
Wie von selbst tragen sich Wort um Wort, mischen sich die Menschen neu.

Glückliche Momente! Strahlende Augen und Umarmungen.

Ach und ja, der Spargel!
Im besten Falle schmeckt uns der Spargel einfach, und deshalb zelebrieren wir den Spargelkult auf einem Hof in Brandenburg jedes Jahr wieder aufs Neue.

Die traditionellen, anmutigen Spargelstangen mit Sauce Hollandaise sind in jedem Falle eine Sünde wert.


The rest ...

Hhm, eigentlich bin ich schon ein recht komischer Vogel ... naja also nicht dieser absolute Paradiesvogel, nein ... aber komisch bin ich schon.

Um dem Ganzen hier und jetzt mal einen Rahmen zu geben:
- Ich mag meinen eigenen Geburtstag nicht feiern, weil ich nicht der Meinung bin,
  dass meine Ankunft auf Erden wirklich feiernwert ist.
- Silvester ist für mich der Horrortripp schlecht hin und mit Ostern kann ich so rein
  gar nix anfangen. Mal erhlich, ich bin Christin und demzufolge wohl auch
  ein wenig Pazifistin. Also: WARUM soll ich die Hinrichtung eines Mannes feiern?
- Ich bin maßlos, denn ich kann weder eine angebrochene Tafel Schokolade liegen,
   noch ein angebrochenes Glas Nutella einfach stehen lassen.
- Das Internet benutze ich weniger zur Information, als zum Unsinn schauen.
- Bei der letzten Gemeinde-Wahl habe ich "Du bist doof" auf den Wahlzettel geschrieben
  und ich verachte mich dafür - jedenfalls ein wenig.
- Meine 16er DR. MARTENS trage ich lieber, als meine High- oder Kitten Heels.
- Ab und zu bringen mich Kleinigkeiten aus dem Tritt des Lebens und demzufolge habe ich
  über mehrere Tage mehr schlechte als gute Laune, obwohl ich gesund und glücklich
  verheiratet bin und noch meine eigenen Zähne und mein Ersthaar besitze.
- Für mich ist mein Tattoo eine Lebenseinstellung - KEIN (!) Lifestyle.
- Meist habe ich egozentrische Züge, da ich in  meinen entzückenden kleinen Despoten
  ganz verliebt bin (manchmal - nicht immer, denn ich weiß inzwischen, dass in der
  Phase der Pubertät der Gedanke "... Mord ist keine Lösung" öfter mal das
  Non-Plus-Ultra ist), wohingegen der Nachwuchs meiner Familie und Freunde
  mir sch... egal ist.
  Und:
- Im Oster-, Advents- und Weihnachtswahn das Positive zu sehen, fällt mir nicht
  ganz leicht, obwohl ich brav verinnerlicht habe, dass die Wirtschaft jegliche
  Unterstützung brauchen kann.
  Auch gab es keine traumatischen Schrecknisse, die oben genanntes begründen.
  Aber mal ehrlich:
  Ist die ganze Shoppingzeit ein Rhythmus, bei dem ich mit muss?

Und noch etwas:
Ich bin wohl der ängstlichste Mensch, den es gibt auf der Welt. Wovor, schreibe ich an dieser
Stelle lieber nicht, denn dann wäre ich nämlich doch der Paradiesvogel und niemand würde mehr ein Wort mit mir wechseln. Naja, Spinnen und solch Getier sind es schon mal nicht. Beruhigend oder?

Und wie fast jeder, der sich schon einmal auf dieser Seite herumgetrieben und mitbekommen haben sollte, bin ich auch noch ziemlich stark gefühlsduselig angehaucht.

Aus diesem Grunde flüchte ich mich von Zeit zu Zeit in die Welt der Bücher, um meinen geliebten Mitmenschen nicht all zu sehr mit all meinen Ecken und Kanten und mit meiner zeitweise auftretenden Übellaunigkeit auf die Nerven zu gehen.

Ich liebe Bücher! Und für diese Liebe hatte ich den besten Lehrer, nämlich meinen Vater, der diese Liebe auf mich übertrug. Ich erinnere mich bis heute daran, wie er ein Buch in die Hand nahm und glänzende Augen bekam. Winnetou, John Hammond, Ernest Hemingway - er kannte sie alle.

Als ich 15 Jahre alt war, trat William Shakespeare's "Romeo und Julia" in mein Leben und ich fand es damals ziemlich ermüdend, wohingegen "Macbeth" mich ein Jahr später förmlich vom Hocker riss. Königsdramen, Hexen, Verrat, Betrug und Maskerade - Herrscherfamilien als Quelle von Mord und Niedertracht!

Ziemlich seltsam für eine 16jährige. Aber warum nicht! Will' und die anderen Klassiker halfen mir, der kleingeistig orientierten Gesellschaft zu entkommen, was mir wiederum den
lästigen und energiefressen Umgang mit arroganten, selbstverliebten Menschen weitestgehend ersparte.

Diese Zeit hielt sich bis kurz nach dem Abitur an und danach hieß es:
Thank God - it's Friday! Bloody hell!
Freitags wurde das Wochenende eingeläutet und getanzt, als gäbe es kein Morgen mehr. Und samstags: vom Bett in die Disco und danach noch mal kurz auf ein Bier, weil eine Freundin Liebeskummer hatte und dringend jemanden zum Reden brauchte.
Mann waren das Zeiten! Da haben sich noch alle zum Ausgehen aufgebrezelt; mit Minirock und Extrem-Dekolleté. Und heute? Da schlurfen sie in Jogginghosen sonst wohin.

Viel Wasser ist hiernach den Kanal hinunter geflossen und die Bücher gerieten aus Mangel an Zeit in Vergessenheit.

Doch dann fand ich ihn wieder, verstaubt in Kisten lagernd, 28 Jahre später, den größten aller Barden, den Dichter der vielleicht schönsten Dramen und Komödien. Shakespeare - das volle Programm.

Ich las ihn, von "Was ihr wollt" bis zu "Hamlet", dem Warmduscher. Noch auf dem Dachboden sitzend. Mit 44 Jahren. Freiwillig. In Rekordzeit. Wohingegen mein kleiner entzückender Despot 3.5 Stunde mit Hamlet im Theater durch pseudo-modernem Inszenierungsquatsch inkl. Lärm und Blut und Obzönitäten gequält wurde.

Und dann das:
Der Spruch aller Sprüche: "Frailty, thy name is woman" (Schwachheit, dein Name sei Weib!). Welch ein ausgemachter Blödsinn.
Mag sein, dass es uns Frauen, heute wie auch zu seiner Zeit, manchmal immer noch an körperlicher Kraft fehlt, um Türme zu mauern und Hirsche am Geweih aus dem Wald zu zerren, den Ochsen anzuspannen und das Dach zu decken, aber mental sind wir dem "starken Geschlecht" doch weit überlegen.
Wenn Schwachheit der Name des Weibes sein soll, müsste es das Pendant des starken Kerls geben.
Aber wo sind sie abgeblieben, diese tollen starken Männer mit dem breiten Rücken, die tapfer in ihrer goldenen Rüstung in den Krieg ziehen, während wir im Nest die Nachhut ausbrüten, die uns zauderndem Weibchen die Entscheidung abnehmen, ob wir lieber einen gebrauchten Hummer oder einen Smart kaufen sollen, die unsere Steuererklärung machen, solange wir die Spülmaschine ausräumen, die uns auf Händen tragen, wenn wir denn mal echt gebrechlich sind?
Wo?

Wir Frauen sind nicht schwach, denn wir leben und überleben Dank Willen und kühler Politik.
Was für eine Erkenntnis.

Nur manchmal gibt es Ausnahmen von dieser Regel und da gebe ich dem Barden recht.
Dann nämlich, wenn es um Schuhe geht.
Schuhe; vorzugsweise glitzernd und glänzend. Und nach Ansicht unseres kleinen Despoten ist das auch völlig in Ordnung so, denn Schuhe sind nun mal Rudeltiere. Die können nicht ohne ein zweites oder drittes oder ... oder  ... Pärchen. Und beim Kauf solch eines Xten Pärchens spielen laut ihr "echte Gefühle" und "Leidenschaft" eine gravierende Rolle.

Für die Party, die Konfirmation der besten Freundin, für das wichtige Event am Wochenende, für den Sport, für die Freizeit, für's Reiten, für's Shoppen, als Frustkauf, weil man bequeme Schuhe braucht, weil sie limitiert sind, als Belohnung oder weil der Ex einem mit seiner Neuen (Na bravo! Haare waschen und Fingernägel lackieren alleine reicht nicht.) über den Weg gelaufen ist, weil sie abends spontan ausgehen will, weil sie genau solche noch gar nicht hat (! HaHaHa), weil die Farbe genau jetzt im Trend ist ...
Für jede Gelegenheit der richtige Schuh - zu jedem Outfit die passende Farbe. Und je höher, desto besser.

Nur mich kratzt das nicht, denn zum Teil sind meine Schuhe älter als meine Tochter und nach ihrer Ansicht nach auch noch von der total falschen Firma, aber ich kann damit im Rahmen meiner Möglichkeiten laufen. Und nur das zählt.
Und weil ich jemanden kenne, der dann wiederum jemanden kennt, sind sie schon mal repariert worden. Das darf der Teenager aber nicht wissen, sonst würde sie sofort ausziehen. Sie ist ja sowieso schon immer knapp davor, sich zur Adoption freigeben zu lassen, wenn sie mein Vintage-Mobiltelefon, Baujahr 2009 sieht.

Kurzum:
The rest is silence. Denn das rettet Leben. Meines jedenfalls.



The same procedure as every year

Jedes Jahr das Gleiche.

Die Silvesternacht soll die beste des Jahres werden und das kommende Jahr sowieso: Nie wieder Rauchen, das Leben ändern und einige Kilo weniger drauf haben.
Und wie jedes Jahr seit wohl nunmehr 25 Jahren grübele ich darüber, warum ich mit Silvester so rein gar nichts anfangen kann, warum mir dieses Fest von allen Festen das unangenehmste ist und tatsächlich scheine ich einer Antwort gerade sehr nahe zu sein.

Ich stehe prinzipiell fast jedem Fest skeptisch gegenüber – was vor allem daran liegt, dass ich finde, dass es eh weit weniger zu feiern gibt, als man denkt. Ich halte zum Beispiel Menschen, die ihren eigenen Geburtstag ausgiebig und exzessiv feiern für selbstverliebte Deppen, die offensichtlich davon überzeugt sind, dass der Tag ihrer Geburt ein Segen für den Rest der Menschheit bedeutet – Diktatoren nutzten seit jeher ihre Geburtstage für
überschwängliche Festivitäten.

Mein Geburtstag erinnert mich hingegen an die eigene Vergänglichkeit; ich verbringe den Tag meist weit weg im Nirgendwo, aber am liebsten im Dunkeln mit der Bettdecke über dem Kopf.

Mit Silvester aber ist es irgendwie noch schlimmer – was nicht nur daran liegt, dass ab dem 27. Dezember bis weit in den Januar hinein bürgerkriegsähnliche Zustände in unserer Nachbarschaft herrschen, weil der eine oder andere meint, den gesamten Hartz-4-Satz in Knallkörper zu investieren.

Und dann diese magische Zahl: Null Uhr.
Alle, die noch stehen können, schütten schnell ihr Glas Sekt hinunter und fallen sich, mehr oder weniger gewollt, in die Arme. Meiner Ansicht nach sollte man es mit der Rührseligkeit an Silvester nicht übertreiben. Die größten Armleuchter sind an Silvester zart gestimmt, werden versöhnlich und unversehens liegt man sich mit seinem Todfeind in den Armen. An Silvester werden immer alle scheußlich nett, weil ja was endet, und jedes Ende erinnert an die eigene Vergänglichkeit und daran, dass man unversöhnt aus der Welt scheiden könnte. Kann sein: Das ist ein schöner Antrieb. Aber er bringt nichts. Im Gegenteil. Die falsche Versöhnung ist der heimliche Grund ganz besonders brutaler Auseinandersetzungen. Wenn dann der Morgen graut, und das Gesicht, das sich tags zuvor so überraschend anders, so verständnisvoll gezeigt hat, sich wieder als das entlarvt, was es schon immer war, als die Fratze der Gemeinheit, dann, ja dann gibt es kein Halten mehr: Fortan werden die Messer noch emsiger gewetzt.


Und wenn man es genau nimmt, wissen wir doch alle:

Nichts schmerzt uns mehr als die fehlgeleitete Verbrüderung, nichts verzeihen wir uns weniger als das Missgeschick,
denjenigen aufgewertet zu haben, der es nie und nimmer verdient hat. Sich in einem schwachen Moment zum Bruderkuss verleitet zu haben empfinden wir als Schmach, die rückgängig gemacht werden will.
Rückgängig gemacht werden kann sie nur durch eine unserer üblichen Selbstlügen: »Nicht ich selbst habe den Feind zum Freund gemacht«, denkt man sich, »der Feind hat sich, geschickt wie er ist, für einen Abend camoufliert (getarnt) und genießt nun den Sieg und meine Schwäche.«
Der Gegner denkt genauso – und schwuppdiwupp ist die Feindschaft nicht nur runderneuert, sondern auf einer höheren, einer wuchtigeren Ebene angelangt. (Lustig: Dabei war man natürlich für einen Moment tatsächlich ganz wahrhaft versöhnt.)

Weiter geht es im Ablauf des Abends: Mit gezückten Feuerzeugen stürzen sich alle auf ihre frisch erworbenen Raketen und rennen, im Wettstreit darin, wer die ersten und lautesten Feuerwerkskörper in den Himmel schießt, auf die Straßen. Für all jene, die sich Ohrstöpsel besorgt haben, mag es in den ersten paar Minuten noch nett sein, dem Farbenschauspiel am Himmel zuzusehen. Doch wenn sich die Rauchschwaden so verdichtet haben, dass ein Blick auf den Himmel unmöglich wird, man Hustenanfälle und Atemnot bekommt und Brandblasen an den Fingern und Beulen am Kopf hat, ist wohl den meisten und ganz besonders mir der Spaß am "Outdoor-Vergnügen" vergangen. Kurz darauf hört man auch schon die Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen, weil es irgendwo brennt oder jemand verletzt wurde.

Im Nachgang sitzen alle wieder im trauten, warmen Heim, begießen das neue Jahr mit dem letzten bisschen Trinkbaren, was der Haushalt zu bieten hat, und spielen Astrologie mit gesundheitsschädlichen Stoffen.

Meine Abneigung gegenüber Silvester ist so offensichtlich wie sonst nix und hat auch viel damit zu tun, dass ich unter anderem dieses Neuanfangsgetue hasse:

Das Standardprogramm der Erwachsenen lautete meistens:
abnehmen, aufhören zu rauchen, weniger trinken.

Kinder versprechen netter zu ihren Mitmenschen zu sein, mehr Fleiß in der Schule und die Omma einmal im Monat anzurufen.
Ersteres wird meist schon nach 5 Stunden Schlaf gebrochen und der Rest wird spätestens nach
30 Tagen in der Rubrik "netter Versuch" abgelegt.

Statistisch betrachtet werden weniger als 10 Prozent der guten Vorhaben auch in die Tat umgesetzt: Der Tankwart oder Zeitungshändler hat zwar an den ersten beiden Tagen des neuen Jahres Umsatzeinbußen beim Zigarettenverkauf, holt diese jedoch spätestens am

3. Januar doppelt und dreifach wieder auf; dann, wenn alle Raucher nachholen, was zu Beginn des Jahres versäumt wurde. Und auch im Fitnessstudio ist es im Januar eher ungemütlich: Viele Neulinge belegen in nagelneuen Sportklamotten Laufband und Hantelbank und trainieren wie die Besessenen. Aber schon im Februar wird es merklich ruhiger und im März ist man dort fast wieder allein.

Wozu das Ganze? Ich weiß es nicht, und ich glaube auch nicht, dass mir auch nur ein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, eine nachvollziehbare Antwort auf diese Frage geben kann.

Gute Vorsätze sind ja im Prinzip eine tolle Sache, aber wenn einer wirklich mit dem Rauchen aufhören, sein Leben ändern, mehr Sport treiben, abnehmen, zunehmen oder was weiß ich will, dann kann er das genau so gut auch am 7. Oktober machen oder am 14. März. Mit anderen Worten: Wenn einer was machen will, dann kann er das immer, immer, immer machen – dafür braucht er kein okkultes Datum; es kann willkürlich gewählt werden.

Und dann immer diese Erwartungshaltung!
Silvester – so glauben die meisten – muss das beste, das schönste, das größte Fest des Jahres werden (außer Diktatoren – die glauben, dass ihr Geburtstag das beste, schönste, größte Fest des Jahres wird). Und das ist Mist, dass kann nix werden. Davon abgesehen beginnt für viele das neue Jahr erst am nächsten Nachmittag mit der Einnahme von Kopfschmerztabletten. Davon abgesehen hat der Jetlag den ganzen lieben langen Tag die Oberhand. Und wenn man am späten Nachmittag schon dazu in der Lage ist und einen Blick aus dem Fenster wirft, sieht man eine eklige Masse aus Papier, Regenwasser und Schwarzpulver, die die gesamte Straße und den Garten, den die 4 apokalytischen Reiter aufgesucht und verwüstet haben, bedeckt. Lecker. Dies finde ich eigentlich am allerschlimmsten.

Daher meine Gegenbewegung: von allem ein bisschen weniger.

Meine Vorsätze: durchhalten und weitermachen.
Mein Problem: dass ich am 31. Dezember nicht dann zu Bett gehen darf/ kann, wann ich es gerne möchte und … das Fernsehprogramm.

In diesem Sinne: Auf ein Neues!


Die etwas andere Ostergeschichte


Wir haben es wieder einmal geschafft, uns vom winterlichen Feiertag zu Ostern und weiter zu Himmelfahrt zu hangeln.
Die ersten warmen Tage lassen schon auf Sommer hoffen und - ach - das ist sie wieder .. die Kälte.
Ist es nich schön, wenigstens zu wissen, dass auf manche Dinge nie Verlass ist?
Wie Wetter, die Angestellten im Drive-In, Leute, die für einen einkaufen gehen, Kinder, Mütter, Männer ..
Erst läuft es richtig super, alles sieht gut aus und dann ... ja, ja ... man kennt das ja.

Aber jetzt mal ernsthaft:
Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt? Ich will niemandem auf den Schlips treten; ich bin Christin kann sogar behaupten, tatsächlich an Gott zu glauben (uuuhhh ups Outing), doch den Feiertags-Rummel um Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt werde ich nie verstehen.

Schon klar:
Wir feiern, dass Jesus auferstanden ist ... ähm ... nicht, dass der stundenlang qualvoll am Kreuz hing, bis ihm ein Soldat auch noch die Lanze ins Herz gerammt hat ... nö.
Selbst wenn ich Osterkalender (klar Schokolade in der Fastenzeit (!), das bringt's), allzu quitschig-bunte Osterhasen, -hennen, -eier übersehe - dann versteh ich's immer noch nicht.

Und nur, damit hier kein Missverständnis aufkommt:
Ich verstehe schon, warum man Ostern feiern sollte (aus Christensicht), nur das WIE und JETZT, das geht mir nicht rein.
Mittlerweile hat es ja den Anschein, dass wir Oster etc. pp nur der freien Tage wegen, des Feierns im Allgemeinen, wegen des Naschwerks und der üppigen Geschenke begehen.

In einer Umfrage wurden zehn Kindern über die Ursprünge des Osterfestes befragt.
- Vier von ihnen antworteten mit "Ostern gibt's wegen der Geschenke",
- drei mit "wegen der Schokohasen",
- weitere zwei verstanden den Sinn der Frage nicht (Pisa lässt grüßen),
wohingegen EIN Kind völlig richtig mutmaßte: Ostern habe "irgendwas mit Jesus zu tun".
Ein überraschendes Ergebnis - vor allem, weil es sich bei Murat, dem Kind mit der halbwegs richtigen Antwort, um einen Sprössling muslimischer Eltern handelte.

Richtig ist natürlich, dass wir an Ostern die Wiederauferstehung feiern (sollten). Da dieser gesagte Herr jedoch ausgerechnet in der Schlussphase der Fastenzeit heimkehrte und nach seiner Wiederauferstehung von den Toten einen tierischen Appetit auf gekochte Eier verspürt haben soll (Eier sind ja auch Tiere - nur in etwas anderer Form), wandte er einen simplen Trick an:
Er kochte sich heimlich Eier und färbte sie anschließend rot ein, um dem Lieben Gott vorzugaukeln, er würde lediglich an einem Äpfelchen herumnagen.

Der wiederum merkte den Schwindel jedoch sofort und beauftragte eine Horde zufällig des Weges entlang hoppelnder Hasen damit, Jesus die Eier wegzunehmen und sie stattdessen unter den bedürftigen Kindern im Osten zu verteilen. Durch mehrere Übersetzungs- und Überlieferungsfehler wurde aus "Osten" dann mehrere hundert Jahre später übrigens "Ostern" gemacht.

Doch das ist nicht der einzige Übersetzungsfehler der Kirchengeschichte:
Gott überlegte nach der Eier-Aktion noch ein paar Tage, wie es mit Jesus weitergehen soll und beschloss schließlich, ihn sicherheitshalber doch wieder in den Himmel zurückzuholen, ehe er noch weiteren Schabernack auf Erden treiben konnte. Landläufig ist das heute als "Christi Himmelfahrt" bekannt, wobei diese Titulierung nicht ganz korrekt sein kann.
Richtig ist vielmehr, dass Jesus in den Himmel gelaufen sein muss, da zu jener Zeit weder der Tretroller noch das Fahrrad erfunden war - vom Auto einmal ganz zu schweigen.
Somit müsste es in Wirklichkeit "Christi Himmelslauf" heißen, was man in Kirchenkreisen jedoch vehement bestreitet. "... Jesus hatte eben damals schon ein Auto. ..." Punkt, Aus, Basta! Tolle Argumentation.

Eigentlich dürfte sich die Kirche aufgrund solcher hanebüchender Aussagen nicht weiter darüber wundern, dass ihnen die Mitglieder reihenweise abspringen und sich infolgedessen christliche Traditionen und Geschichten nicht mehr auf kommende Generationen übertragen lassen.

Nur einer kennt die christliche Tradition noch halbwegs genau:
Der kleine Murat.


Die Metamorphose

Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Man erinnert sich?! Der freundliche Doktor, der sich immer wieder in ein menschliches Monster verwandelte?
Seine Nachkommenschaft lebt in meinem Haushalt.

Normalerweise - und die Betonung liegt hier wirklich auf dem Wort 'normalerweise' - habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ehrlich nicht. So ungefähr fünf von sieben Tagen in der Woche bringt meine Tochter den Traum aller Mütter und Großmütter auf die Bühne:  blond, blauäugig und so weiter. Allein ihr bloßes Erscheinen würde in jeder Teenager-Soap mit spontanem Applaus bedacht werden.

Beim Essen bleiben die Arme oberhalb der Tischkante, das Schmatzen und Kleckern hat sie sich schon vor etlichen Jahren abgewöhnt und ihre Kommentare mit vollem Mund sind weitestgehend verständlich.
Die junge Miss Hyde kommt erst in Gesellschaft zum Vorschein; am deutlichsten unter Gleichaltrigen und am ehesten und am wahrscheinlichsten an Wochenenden. Dabei fängt es immer ganz harmlos an:

"Duhuuu, kann ... "XYZ" ... (mittlerweile gibt es Dank diverser Social Networks so viele Freundinnen, dass ich hier jeden x-beliebigen Namen eintragen könnte) heute bei mir schlafen?"  lautet üblicherweise die betont beiläufig gestellte Frage, mit der sich die Metamorphose ankündigt. Der Blick meiner Tochter wird in solchen Fällen noch eine Nummer treuherziger (Augengeklimper inbegriffen) als gewöhnlich, der Klang ihrer Stimme verschiebt sich klar und deutlich in Richtung unterwürfige Bescheidenheit, sodass meine Urteilskraft selbst nach etwas mehr als einem Jahrzehnt praktischer Erfahrung in Aufzucht und Pflege frei geborener Menschenkinder immer noch dahinschmilzt, wie Schnee in der Sonne.
Verglichen mit mir waren Anne Bonny und Mary Read Frauen goldrichtiger Entscheidungen.
Anders gesagt: NATÜRLICH zieht Orelie (oder auch Gesine, Lara, Svenja, Zoe oder wie sie alle heißen) für ein oder zwei Nächte bei uns ein.


(Kann man diesen Augen etwas abschlagen?)

Die jugendliche Metamorphose nimmt damit ihren Lauf. Die meist hilfsbereite Heranwachsende mutiert zur mutwilligen Diva, die sich und ihren Eltern beweisen muss, dass sie cool sein kann, wie ein Eisberg am äußersten Zipfel Norwegens.
Die Wirkung ist um so treffender, als das ihre Freundin in der ungewohnten Umgebung in den meisten Fällen ein Verhalten an den Tag legt, das geneigt ist, dem Tanzlehrerverband seinen Glauben an die Jugend zurückzugeben.

Mir hilft das nicht. Die Persönlichkeitsveränderung der pubertären Miss Hyde ist unaufhaltbar im Gange und sie beginnt sich bereits beim Abendessen abzuzeichnen.

Offensichtlich in Unkenntnis der gesellschaftlichen Positionen bezüglich der Rollenverteilung der Geschlechter hat der Herr des Hauses (lassen wir ihn mal in diesem Glauben) den Tisch gedeckt, während meine Tochter erst nach Abschluss aller Arbeiten betont beiläufig heranschlendert.
"Wo's'ner Saft?"  Schon mit dieser Begrüßungsfrage gelingt es ihr mühelos, die Grundregeln von Grammatik wie auch Höflichkeit zu gleichen Teilen zu missachten. Weiterhin beweist sie dadurch ihrer Freundin und durch ihre auffällig zur Schau getragene Unwissenheit der häuslichen Vorratshaltung, dass sie ihre Familie voll im Griff hat: Sie säet nicht, sie erntet nicht und sie ernähren sie doch. Nur widerwillig lässt sie sich in den düsteren Keller grauer Realität zwingen, um für Getränkenachschub zu sorgen.

Bei Tisch werden unterdessen die ersten Stullen geschmiert; große Hände schneiden dicke Scheiben vom Käselaib, schmale Finger versuchen auf dezente Weise, die Teewurst ihrer Hülle zu entlocken. Die mit der Flasche zurückkehrende Miss Hyde reagiert daraufhin mit der Furcht aller Zu-spät-Gekommenen.

Mit einem herzzerreißenden Aufschrei irgendwo zwischen <Äieh!> und  <Euih!> hechtet sie über die Tischplatte, um sich die letzten Tomatenscheiben zu sichern. Die Fledermaus-
ärmel ihres Shirts ziehen tiefe Spuren in den Frischkäse, die Teekanne bleibt nur knapp in der Vertikalen. Freundin Orelie, die ebenfalls gerade beherzt zulangen wollte, geht leer aus. "Upps!" Damit ist die Angelegenheit geregelt.

Die nächsten Minuten sind dann doch noch durch gepflegte Konversation zwischen der älteren Generation und unserem Gast geprägt: Wie geht's in der Schule? Was macht die kleine Schwester? Ist der Herr Vater wieder gesund? Das Übliche halt. Die erbauliche Atmosphäre wird erst wieder getrübt, als meine geliebte Tochter meinen mindestens so geliebten Mann in die Backe kneift und sagt: "Gib doch mal die Butter rüber, Hasi!"

Als aufgeklärter Elternteil, der ich bin, verkneife ich mir den seit Generationen in solchen Situationen üblichen Hinweis auf kindliche Beine unter elterlichen Tischen und bin froh, als sich mit einem genuschelten ... "Kannich nach obm?" ... die Chance zum frühzeitigen Aufheben der Tafel anbietet. Doch Ruhe stellt sich damit noch nicht ein. Im Gegenteil.

Zu Zeiten, als das kindliche Bedürfnis nach Beschäftigung noch weitgehend ohne den Einsatz moderner und lautstarker Technik sich befriedigen ließe, mag es Dinge gegeben haben, die fast lautlos abliefen: Die stille Post lässt schon vom Namen her darauf schließen. Mühle und Mensch-ärgere-dich-nicht klingen ebenfalls nicht nach großem Lärm und das klassische Kartenspiel war auch nicht übermäßig phonstark. Das hat sich leider geändert.
Hip-Hop und Ghetto-Rap vermitteln einen Lautstärkepegel, wie im Fahrlager des großen Preises von Singapur. Nicht einmal eine Etage Abstand zwischen Wohn- und Kinderzimmer lassen ungetrübten Fernsehgenuss zu, wenn oben David Guetta oder Diddy Dirty Money auflegen. Einmal mehr ist hier mütterliche Autorität gefragt.

Ein Schatten meiner selbst quält sich die Treppe hoch und stößt oben die Kinderzimmertür auf. Bürgerlich-höfliches Klopfen wäre ohnehin zwecklos. Drinnen liegt 'Kesha' neben 'Lauryn Hill' in "stiller" Eintracht im Hochbett. Aus dem abgelegten Ghetto-Blaster der Nachkommen von Onkel Tom und Tante May dröhnen die Bässe; wie in der Werbung, wo die Kügelchen auf und nieder hopsen. Die Verständigung über die knapp fünfzig Zentimeter von einem Ende der Matratze zum anderen wird zur Tortur für die Stimmbänder der Halbwüchsigen, ganz zu schweigen von den gefühlten Kilometern zwischen Kinderzimmertür und Hochbett.

"He!" brülle ich mit der Klinke in der Hand. Nichts geschieht. Ich versuche es noch einmal, noch zweimal; meine Stimme schwillt auf die Lautstärke der Posaunen von Jericho an, dann ziehe ich den Stecker. Sage keiner, wir Älteren wissen uns nicht zu helfen!

"Geht's nicht etwas leiser?" versuche ich es auf dem gekonnt lässig zur Schau getragenen Wege, der jedem UN-Vermittler alle Ehre machen würde.
Die Antwort ist niederschmetternd: Keine Widerworte oder offene Aggression treten mir entgegen, kein Kopfkissen fliegt in meine Richtung. Nein. Mich trifft die stille Verachtung einer Generation, die von Leuten meines Alters (es muss kurz vor Anbruch der Bronzezeit gewesen sein, als ich, nach Meinung meines Kindes, das Licht der Welt erblickte) ohnehin kein Verständnis erwartet.

Vier Augen blicken kurz und knapp über den Rand des Hochbettes; meine Tochter rafft sich zu einem müden "War'n wir zu laut?" auf, dreht den Lautstärkeregler um eine Sechzehnteldrehung nach links und ich bin entlassen. Einfach so. Ein Disput mit mir hätte sowieso nicht viel gebracht. Man kennt sie doch, die "Alten".
Das Schauspiel wiederholt sich noch zwei- bis viermal. Offenbar entwickelt der Lautstärkeregler enorme Rückstellungskräfte und vom Film bekomme ich aufgrund der obigen Phonstärke eh nicht mehr viel mit - hab' schon in der ersten Viertelstunde die wichtigsten Passagen der Hauptdarsteller und den Inhalt des Filmes im Allgemeinen verpasst.

Zwischenzeitlich werden fast lautlos mehrere Saft- und Brauseflaschen nach oben getragen, gefolgt von einem Megavorrat an Chips und Weingummis und selbst die Packung Pralinen von Tante Hedda an mich nimmt den Weg alles Irdischen. (Ich wusste es: Ich muss anfangen, meine Vorräte an Süßigkeiten im Garten zu vergraben, damit sie mir keiner stibitzt.) Immerhin sind es keine Drogen, tröste ich mich. Es hätte ja auch viel schlimmer kommen können.

Mit diesem beruhigenden Gedanken falle ich schließlich in mein Bett. Eingenickt war ich ohnehin schon auf dem Sofa. Mehrfach. Miss Hyde und ihre Freundin, denen ich weit nach Mitternacht ein international gültiges "Lights out!" verordnet habe, sind indes immer noch ein Muster an Hyperaktivität. Ihr gnadenlos lautes Lachen lässt mich noch mehrmals aus dem Halbschlaf hochschrecken.

Am nächsten Morgen dreht sich meine/ unsere kleine Welt wieder weiter. Mit zweier unausgeschlafener Mädchen am Frühstückstisch, mit tagsüber anhaltend verbal ausgetragenen Gefechten zwischen Mutter und Vater auf der einen sowie der Halbwüchsigen auf der anderen Seite, mit unterlassener Hilfeleistung im Haushalt und penetranter Lustlosigkeit in allen Lebenslagen. Kurz: Ein brillanter Sonntag.

In diesem Sinne ...
erst am Montagabend werde ich meine Tochter wiederhaben. In bewährter Form, als Miss Jekyll für eine knappe Woche.



Ordnung ist das halbe ...

Geißelbrüder, so heißt es, haben eine unfehlbare Strategie, um nicht vom Übermut überwältigt zu werden. Auch mittelalterliche Klosterbrüder wussten gemeinhin mit übermäßiger Lebensfreude fertig zu werden: Fasten und körperliche Kasteiung sowie Schlafentzug halfen ihnen über viele Frohsinnsanfälle hinweg.
Ich persönlich kann mit diesen Methoden nicht sehr viel anfangen. Mein Rezept ist einfacher: Wenn es mir zu wohlig wird, betrete ich das Zimmer unseres pubertären Teenagers.

Schon der erste Schritt - wenn man denn überhaupt die Tür aufbekommt - läßt meine mütterliche Stimmung zuverlässig in Richtung Gefrierpunkt absinken. Während sich meine Füße fast schlagartig in einem Berg aus Girly-Zeitschriften, Modeschmuck und diversen Tüten von stadtbekannten
Bekleidungsfachgeschäften gefüllt mit Pferdepellets jenseits des Verfallsdatums verfangen, fällt mein Blick auf einen Schreibtisch, in dessen Tiefen leere Saftflaschen mit einem Stapel diverser CDs, einer Zahnspange und diverser Schminkutensilien um die Vormachtstellung kämpfen.

Die Grenzen des Schlachtfeldes werden durch einen Computer samt Monitor und einem ausladenden Ghetto-Blaster markiert. Die gesamte Szenerie bleibt allerdings weitgehend im Dunkeln, denn die dunkelblauen Rollos an den Fenstern sind ungeachtet der Tageszeit stets dreiviertel geschlossen.

Ich lasse dennoch meinen Blick schweifen. Er streift einen überquellenden Papierkorb, zieht über einen mit Büchern und Girls-Zeitschriften bepackten Couchtisch hinweg, um schließlich auf einer fast Vierzehnjährigen zu landen, die in perfekt entspannter Haltung auf dem Bett lagert. Soweit ich das bei der herrschenden Dunkelheit beurteilen kann, hebt sie den Kopf nur millimeterweise zum Gruß: "Hi!"

Dieser Anfall unverfälschter Freundlichkeit berührt mich tief:
Unsere Jugend hat offensichtlich ein weitaus besseres Verhältnis zum Alter, als von vielen Menschen beklagt.


Ich beschließe, die Gunst der Stunde zu nutzen und in aller Bescheidenheit die Frage zu stellen, die mich und den Mann an meiner Seite schon lange beschäftigt: "Du hättest nicht mal Lust …ähm … aufzuräumen, oder?"

Unsere Tochter lässt sich nicht täuschen. Ihr Innerstes entlarvt meine Höflichkeit sofort als ein dünnes Jäckchen über der knallhart autoritären Aufforderung: ‚Räum auf, oder du kannst deine Verabredungen heute vergessen!‘
Da sie aber andererseits das Leben gelehrt hat, dass sie ihre Ungestörtheit und somit ihre Ruhe am schnellsten wieder hat, wenn sie mich wenigstens zum Schein zufriedenstellt, lässt sie sich zu einem sehr leise, ohne aufzublicken gebrabbelten "Gleich." herab.

Auch eine Mutter bringt nach mehr als einem Jahrzehnt praktischer Kindererziehung allerdings eine gewisse Lebenserfahrung mit. 'Gleich' ist in diesem Fall nur ein anderer Ausdruck für den einschlägigen Bescheid "Geh' ... weg!!" oder „Never…“, und Derartiges nehme ich als Elternteil nur in den wenigsten Fällen ohne Gegenwehr hin.

"S.o.f.o.r.t.! Nicht 'gleich'…“ reißt es mich daher zu ungewohnt scharfer Autorität hin, die ich noch dadurch unterstreiche, dass ich den von Onkel Tom und Tante May in einem Akt von unseglicher Großzügigkeit geschenkten Ghetto-Blaster ausschalte und auffordernd den Staubsauger mitten ins Zimmer stelle. Das Gesicht meiner Tochter verfinsterst sich zusehens: eindeutiges Zeichen für mich, dass ich auf dem richtigen Wege bin.

Doch nach Art moderner Eltern ist Konsequenz nicht unbedingt meine allerstärkste Seite. In einem Anfall von schlechtem Gewissen wegen möglicherweise zu autoritärer Herrschermethoden versuche ich den Eindruck übermäßiger Strenge sofort wieder abzumildern. "Du kannst dich doch hier unmöglich wohlfühlen. Wenigstens ein wenig Ordnung ... Und sieh mal, deine Schulhefte. Für die hab ich letztens erst 10,20 Euro bezahlt, und jetzt liegen sie schon zerzaust da hinten in der Ecke!"

Gut bürgerliche Ordnungs- und Reinlichkeitsvorstellungen ... ich weiß.


Der Lauf der Welt wird sich aber nicht wesentlich dadurch aufhalten lassen, nur weil ich dem Chaos in unserem ersten Stock entgegentrete.

Ich sollte ehrlich mit mir selber sein: Ich hab einfach die Seiten gewechselt. So!

Wie habe ich früher meine dekorativ in meinem Zimmer verstreuten Pinsel, Farben und Stifte, meine Bücherstapel und zerfledderten Mosaik-Comic-Hefte gegen die Ordnungswut meiner Mutter und meiner Oma verteidigt, und jetzt? War ich denn besser?

Die Ordnung ist das Vergnügen der Vernunft; die Unordnung aber ist die Wonne der Phantasie, verbreitete einst ein Dichter. Vielleicht muss ich mich einfach damit abfinden, dass Mütter nun einmal die Vernunft zu repräsentieren haben.

Plötzlich habe ich es FURCHTBAR eilig.

Bevor ich die Kinderzimmertür hinter mir schließe, sehe ich noch, dass sich eine schemenhafte Gestalt vom Bett erhebt.

Ich muss mich schleunigst sputen, dass ich an meinen eigenen Schreibtisch komme, solange ich noch Zeit habe.

Dort hat sich nämlich über einen Quadratmeter Tischplatte eine stellenweise mehr als einen halben Meter dicke Schicht aus Quittungen, fachlichen Zeitschriften über Kindererziehung, Bildung und Schule, bunten Klebezetteln mit Notizen die keiner mehr lesen - geschweige denn versteht, Bastelutensilien und unbeantworteten Briefen und Rechnungen ergossen, die dringend nach einer sofortigen Evakuierungsaktion schreit – nein – sogar lautstark brüllt.

Fantasie hin oder her:
Nichts ist für ein Familienoberhaupt - sprich Mutter -  peinlicher, als selbst beim Chaos erwischt zu werden.  Vor allem von der eigenen Tochter ...


Das Familien-Event

Vor einiger Zeit flatterte uns eine Einladung zu einem Patchwork-Family-Event ins Haus.

Zwei Drittel unserer kleinen Familie riefen: "Da sinn ma dabei, das wird pri-hi-ma, ... „ nein, nix Viva Colonia ... aber so ähnliche Ausmaße hatte es dann doch schon. Alles freute sich – nur eine nicht – na ja - nicht besonders.

Die bessere Hälfte ist nicht der Typ für überschwängliche Freudenausbrüche. Bei ihr springt sofort der Motor an; der kleine Untermieter im Hirn fängt an zu planen und zu rechnen und nicht zuletzt - das Gedankenkarussell fängt an zu kreisen. Schlaflose Nächte vorprogrammiert.
Meist gepaart mit Stress und Hektik im normalen Alltag – weil: man ist ja so nebenbei noch berufstätig, Vollzeitmutter und Animateur von Männe und  pubertärem Teenager, gute Seele des Haushalts.
Da müssen kunterbunte Klebezettel herhalten; am Kühlschrank, am Computerbildschirm, an der Haustür, an der Sonnenblende im Auto oder sogar am Lenkrad - ‚Wat man halt nich im Kopp hat …‘ – bloß nix vergessen.

Aber Family-Event bleibt halt Event und da kann man sich, obwohl man das gerne würde, nicht so einfach ausklinken. All die enthusiastischen Umarmungen, temperamentvollen Freudenausbrüche über das Wiedersehen, Küsschen hier und Küsschen da. All die Fragen, die auf einen einstürzen, wenn man sich eine halbe Ewigkeit nicht gesehen hat. Alles nix für die bessere Hälfte.
Frau neigt eher dazu, sich im Hintergrund zu halten, der Zuhörer zu sein, als der Wortführer. Sie hört gern die Geschichten Anderer und ganz besonders gerne die Geschichte hinter der Geschichte.

Anmerkung:
Family-Event heißt bei uns zahlreiche Geschwister nebst Anhängsel und scharenweise Kinder sowie den (Stief-)Vätern und (Stief-) Müttern von Männe's Seite.
Wobei wir auch schon bei der zweiten Textzeile des Liedes wären: "... wir lieben das Leben, die LIEBE (!) und die LUST (!) - wir glauben an den lieben Gott und ham' auch IMMER DURSCHT ...". ... Unglaublich Fortpflanzungsfähig dieser Familienzweig.
Die "bessere Hälfte" kann da leider nicht (mehr) mithalten, da aufgrund der natürlichen Selektion ihre Familie drastisch dezimiert wurde und somit nur noch sie beim Zusammentreffen der Generationen ihren Teil des Stammbaums vertreten konnte.

Aber was soll's. Also: nix auf die lange Bank geschoben, Hotel gebucht (noch vor allen anderen, die dann zusehen mussten, wo sie unterkommen), Laptop geschnappt und eBay und Konsorten kontaktiert, um das geeignete Outfit für einen solch "hochoffiziellen Anlass" und für alle Familienmitglieder  zu beschaffen. Ich lass niemanden in Jeans und Cowboystiefeln zu einer Hochzeit schlurfen; da bin ich eigen.

Beim Teenager war die Wahl des Outfits einfach. Ein Kleid für das Kind wurde schnell gefunden, günstig ersteigert, geliefert, passte - fertig. Deichmann zwecks dem passenden Schuhwerk einige Tage später aufgesucht, endlose Diskussionen mit dem pubertären Teenager über High Heels geführt, irgendwann absolut genervt aufgegeben, doch welche gekauft - fertig. Thema Teenager-Outfit abgehakt.

Bei "Frau" und "Männe" war das schon etwas schwieriger. Keins der angebotenen Kleidungstücke entsprach so richtig den Vorstellungen der besseren Hälfte, bis das World Wide Web irgendwann das Passende ausspuckte. Tage später saß Frau fiebernd vorm Laptop und bot was das Zeug hält. Ha! Zuschlag. Outfit für beide kam, sah auf den ersten Blick unangezogen fantastisch aus und ...??!!

Den Rest kann man sich ja denken. Frauen im Allgemeinen und speziell die bessere Hälfte in diesem Fall sowie auch Männe waren von dem, was ihnen das Spiegelbild im angezogenen Zustand zeigte, nicht sonderlich begeistert. Drehten und wendeten sich, sahen da und dort ein paar Pölsterchen, die da nicht hingehörten, und hechelten dem Schönheitsideal, welches Brigitte & Co., Kleinstädters next Topmodel und Men's Health einem so vermitteln, hinterher.

Hm, was nun? Ein wenig Zeit blieb ja noch. Der Entschluss war somit schnell gefasst. Die Motivation in diesem Moment bei beiden noch groß.

Her mit den Anbietern von Pilates, Yoga, Step- und Aquaaerobic und Bauch-Beine-Po. Her mit den Kursen für die Frau und den Mann über 40, auch wenn es so schön heißt: Gymnastik und Turnen füllt Gräber und Urnen; zumindest in den Augen der "besseren Hälfte", die vierzehn Paar Sneakers besitzt, mit denen sie noch keinen einzigen Sport betrieben hat, Wasser statt aus der Leitung von San Pellegrino trinkt (Hey: ich steh‘ dazu!) und auch ansonsten vehement ihren angestammten Platz auf dem Sofa mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen Alles und Jeden verteidigt.

Also (?): Wie passt nun "Frau", "Sport" und "kulinarische Enthaltsamkeit" hier und in diesem speziellen Falle zusammen? Eigentlich gar nicht. "Frau" will sich nicht durch Nordic Walking und angetrieben durch zwei Stöcke durch irgendeinen Park rennen sehen. "Frau" will nicht von Männe joggend durch die Straßen gehetzt werden, um dann an der dritten Latte des nächsten Gartenzaunes schwitzend und keuchend zusammenzubrechen.

"Frau" ist GLÜCKLICH, wenn sie in ihren heiß geliebten "tasmanischen Teufelsflitzer"  steigen kann und NICHT mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen muss.
Aber watt mutt, datt mutt! - so die Meinung von Männe.
Na dann - her mit den Kursplänen für freies Schwimmen in der Halle und der Step- und Aquaaerobic mit Enrique. Her mit den Inline-Skats und das Bauch-Beine-Po-Training per You Tube selbst in die Hand genommen.

Oder doch lieber eine Diät?? Aber die meisten Diäten sind zu komplex und zu aufwendig. "Frau" braucht klare Ansagen. Eine Diät sollte in den Augen von "Frau" leicht umzusetzen sein und ohne großen Aufwand auch im Alltag angewendet werden können. "Frau" hat keine Lust, den halben Tag in irgendwelchen Punktelisten zu stöbern, Kalorien und Fettgehalte zu zählen und womöglich noch den "glykämischen Index" - ganz im Gegensatz zu Männe. Da gibt "Frau" schnell auf und überlässt das Abnehmen lieber anderen. Männe hingegen geht in solchen Dingen ja ganz und gar auf.

Abzuklären war im Vorfeld natürlich noch, zu welchem "Diät-Typ" wir gehören? Sind wird die Bio-Typen?
Eier von glücklichen Hühnern, fair gehandelte Kaffeebohnen und pestizidfreies Gemüse - ist das unsere Welt? Wohl eher nicht, nein. Schon bei der häuslichen Vorratshaltung (Einkaufen) zu kompliziert.
Frau ist eher der hedonistische Typ. Isst langsam, mag Süßes und Fetthaltiges, lässt Essens konsequent stehen, wenn es nicht schmeckt etc. Die bessere Hälfte verzichtet ungern auf deftige und kräftige Speisen. 

Obwohl "Frau" normalerweise Einzelkämpfer ist, unterwarf sie sich nach längerer (sehr laaaanger) Abwägung aller dafür und dagegen aufgezählten Argumente dann doch  dem Gruppenzwang, der bei Step- und Aquaaerobic mit Enrique (klein, drahtig, hyperaktiv und zum ko... gut gelaunt) herrschte, weil man ja die Pfunde nur so purzeln sehen und sich schließlich auch nicht vor der Ü60-Liga, die mit einem unkontrollierte Bewegungen im Wasser machen, blamieren möchte.

Leider brachte das ganze Brimborium, welches die bessere Hälfte betrieb, auch nach mehreren Wochen des Stretchings, Hopsens, unnatürlichem Verbiegens und Dehnens nicht den gewünschten durchschlagenden Erfolg. Eher das Gegenteil war der Fall. Ein weiterer, schmerzhafter Bandscheibenschaden musste durch die feinfühligen Hände eines äußerst gutaussehenden Therapeuten behoben werden und das Aussehen einer Schiffer mit den Modelmaßen einer magersüchtigen Twiggy rückte selbst mit der liebenswürdigen Unterstützung der Ü60-Liga in immer weitere Ferne. 

Aber im Endeffekt war's dann doch ganz schön (die Morphine leisteten einen beträchtlichen Beitrag); trotz des etwas schiefen Gangs und der vorherigen Selbstzweifel der besseren Hälfte bezüglich ihres Aussehens, weil sie wieder einmal feststellen musste, dass 90 % der Leute beim Treffen der Generationen dann doch aussahen wie Otto-Normalos und nicht wie abgemagerte Bohnenstangen.



Wenn das Telefon klingelt

Physiker und Philosophen - mit Zeit und Raum haben sie ja immer noch so ihre Problemchen. Unser Teenager ist darüber längst erhaben. Zumindest für sich hat sie solche Nichtigkeiten endgültig gelöst.
Nehmen wir beispielsweise ein männliches Mitglied dieser Gesellschaft namens … „XYZ“ … (auch hier könnte ich wieder jeden x-beliebigen, zurzeit in Mode geratenen Namen eintragen), über dessen Stellung in ihrer Gefühlswelt bei mir verunsichertem Elternteil noch immer Rätselraten herrscht, welches aus irgendeinem Grund Sehnsucht nach ihr fühlt, erledigt sich die Angelegenheit meist per elterlichem Festnetzanschluss. Wie sollte es auch anders sein. Alles andere würde ja dazu führen, sein eigenes Telefonkonto zu bemühen und das geht ja nun gar nicht. Man spart halt wo man kann.

Der Apparat klingelt und für mindestens die nächste halbe bis ganze Stunde ist unser Anschluss belegt. In so einem Fall spielt es keine Rolle, ob die beiden Gesprächspartner vor zwei Minuten noch vor der Haustür, vor zwei Stunden vor der Schule oder vor zwei Wochen das letzte Mal miteinander gesprochen haben.

Der durchschnittliche Jugendliche von heute kann fernmündlich mit einer Ausdauer und Intensität kommunizieren, die sich frühere Generationen (also meine) allein einem Kirchenmitglied in gehobener Stellung vorbehielten.
Erziehungsberechtigte stören in der heutigen Zeit nur dabei. Nach den harten Gesetzen der zivilisierten Welt gelten sie als unnötige Überbleibsel, derer man sich schnellstmöglich entledigt, wenn sich durch entnervende elektronische Klänge ein neuer Gesprächstermin ankündigt.

Lediglich Aufgabe der Heranwachsenden ist es, andere Mitglieder der Familie für sich einzuspannen, die die Verbindung herstellen, denn der gute Ton der Nintendo-DS-Generation verbietet es offenbar, sich umgehend selbst zu melden.
Und so führt selbst anhaltendes Telefonklingeln normalerweise zu keiner Reaktion des Teenagers. Eine ganze Familie versucht, sich taub zu stellen. Meine Tochter ist es vermutlich schon.

Da-da-da-daaaa, da-da-da-daaa ... Der Sound von Beethovens No.9 zirpt mindestens - wenn nicht noch öfters (gut wenn man Klingeltöne diversen Personengruppen zuordnen kann.) Alle Nerven der im Haushalt lebenden Personen sind bis zum Zerreißen gespannt. Dann endlich ertönen die erlösenden Worte.

„Mama! ... Maaa--maaa!! ... M.U.M!!!“ ruft man mich aus den Untiefen des Kellergeschosses. „Maaa--maaa!! ... M.U.M!!! Kannste nich ma rangeh'n?“ Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Traum mit dem Gedanken gespielt, den Hörer aufzunehmen. Eher werde ich von einem sturmgebeutelten Baum getroffen, als das zu Hause und speziell am Abend oder am Wochenende ein Gespräch für mich ist.

Aber ich tue es trotzdem. Schon allein deshalb, um meiner  u n e n d l i c h e n mütterlichen Neugierde ein Ende zu setzen und dem testosterongesteuerten Jüngling mal so richtig die Meinung zu geigen. Zumindest hatte ich mir dies bis zum Abnehmen des Hörers ganz fest vorgenommen, aber das Gespräch verläuft in eine für mich völlig falsche Richtung.
„Hallo? … Haaah-lloooh? …? … Ooooh - ach so - 'tschuldigung, ich dachte Sie wär'n ...Ähm ...ja ... Kann ich ma' ...“ (wenn ich zwischendurch noch den Satz „Hier ist … „XYZ“ zu hören bekomme, bezeichne ich dies schon als höhere Schule des guten Tons und der Höflichkeitsformen. Meist wird aber dieser Satz mit Schutz der Privatsphäre weggelassen. … Schade.)

Und plötzlich geht alles sehr schnell. Ich komme gar nicht mehr dazu, meinem Frust über die tagtäglichen Sit-ins vor unserer Haustür freien Lauf zu lassen. Der im Haus lebende Teenager sprintet in dem Moment, in dem ich auch nur einmal Luft holen kann, die Treppe aus dem ersten Stock herunter – zwei, drei Stufen auf einmal nehmend – reißt mir in Sekundenschnelle den Hörer aus der Hand und verschwindet mit ihm auf Nimmerwiedersehen in den obersten Stock.

„Haa-(hh)-ll--oooo … XYZ …! oder "Hi (hh)!“ höre ich es nur noch leise schmachtend säuseln.
Nun gut: Keine sehr einfallsreiche bzw. originelle Eröffnung des Gespräches, aber sie erfüllt immerhin ihren Zweck.
Das Gegenüber ist somit unwiderruflich aufgefordert, zu antworten. Aus dem Hörer dringt für mich unverständliches Gemurmel in einer für meine gealterten Ohren nicht zu definierenden Frequenz (Stimmbruch?) Ich schleiche mich auf Zehenspitzen noch einige Stufen näher an die Kinderzimmertür, um meine mütterliche Neugier - und ich bin sehr neugierig -  zu stillen und um dem Rätselraten ein Ende zu setzen. Immerhin ist das Befinden des potenziellen Schwiegersohnes, soweit ich es verstanden habe, immer noch ganz gut. Abgesehen vom Stimmbruch ... schleicht es sich in meine Gedanken. Hoffentlich gibt sich das noch.

Aber mit dem Annehmen des Gespräches ist eines damit definitiv sicher: Auf unabsehbare Zeit braucht der bessere Teil des Hausvorstands keine Anrufe von verzweifelten Chefs, besorgten Verwandten und lieb gewordenen Freunden mehr entgegenzunehmen. Wie auch?

Mich trifft der Fluch der schnurlosen Telefone, die gerade in den Händen Heranwachsender die Tendenz haben, in den unendlichen Weiten eines Kinderzimmers zu verschwinden.

Doch lange werden wir uns eine Bleibe mit Erd- und Obergeschoss oder auch nur mehreren Zimmern nicht mehr leisten können. Unsere Telefonrechnung erreicht mittlerweile unermessliche Höhen, die die Vermutung aufkommen lassen, wir wollten das Leitungsnetz des hiesigen Kommunikationsanbieters aufkaufen und nicht bloß vereinzelte  Gespräche in Nah- und Fernbereiche führen.
Dass ich in der Ferienzeit nach dreiviertelstündigen Ferngesprächen quer durch Europa und zum teuersten Tagestarif - zu Flatrate-Anbietern hat die bessere Hälfte ein ziemlich angespanntes Verhältnis - gewagt habe, kurz die Tür zu öffnen und mehr oder weniger mit dem Zeigefinger auf das Ziffernblatt meiner Armbanduhr klopfte, hat mir schon den Ruf eines unverbesserlichen Geizhalses und noch dazu einer Spielverderberin und Spießerin eingebracht.

Offensichtlich sind es gravierende Mängel in der Geografie, die es den heutigen Schülern unmöglich macht zu erkennen, dass ein Telefonat zwischen einer Kleinstadt im mittleren Osten der Republik und der Insel Kos keineswegs noch in die 5o-Kilometer-Zone fallen kann.

Von der nach wie vor bestehenden Möglichkeit, an den möglichen Verehrer (Liebes-)Briefe zu schreiben und sich damit sogar einen prämierten literarischen Platz auf Erden zu sichern, brauche ich gar nicht erst anfangen zu reden. Diese Form der Kommunikation scheint ausgestorben zu sein, wie das Reisen mit der Postkutsche.
Was bei Leuten meiner Generation natürlich die Frage aufwirft: Wo bitte ist die gute alte Form dieser Briefchen geblieben?

Schmachtend, in ungelenker (oder in Einzelfällen auch sehr schöner) Schrift gekritzelte Worte voller Romantik und Herzschmerz. Sind diese Dinge aufgrund der schnelllebigen Technik und der diversen Möglichkeiten der heutigen medialen Kommunikation zum Aussterben verurteilt?
Oder sind die Jungs von heute und die Männer von morgen zu faul und zu einfallslos geworden, als dass sie Briefe auf  (rosa bedrucktem)  Papier mit Federhalter und Herzchen über dem „i“ schreiben.
Schade wär‘s um diese gute alte Form, die heute noch, nach zwei Jahrzehnten mit roter Schleife drum herum in einem Schuhkarton gelagert werden. Sie verdeutlichen einem doch immer wieder aufs Neue, wie einfach es doch früher im Vergleich zu heute war, Gefühle – ehrlich und auch ein wenig naiv – auszudrücken. Und … gerade sie, wenn man sie denn aufgehoben hat, bringen einen ja meist noch nach Jahrzehnten dazu, gefühlsduselig und vielleicht auch ein bisschen wehmütig zu werden; die großen Momente, in denen einen nichts vom anderen trennte, Revue passieren zu lassen.

Unser doch sooo fortschrittlicher Teenager hingegen lässt sich allenfalls dazu hinreißen, sterile, flüchtig dahin geschriebene und jegliche Grammatik und Orthografie verweigernde Chat's, Mail's oder SMS's in (für mich) unverständlichen Kürzeln in irgendwelche imaginären Briefkästen zu versenden.

Beispiel für Grammatik gefällig?

SMS der Heranwachsenden an die bessere Hälfte am frühen Nachmittag:
„Kann ich …XYZ… gehen jetzt?“
Antwort der besseren Hälfte: „Grammatik gelernt bei Yoda du hast?“
(Sorry, aber den Satz konnte ich mir dann doch nicht verkneifen.)
Rückantwort der Halbwüchsigen: „Ja, gelernt hab‘ ich schon ...“

Häh??? Dazu konnte der geprüfte und zertifizierte weibliche Hausvorstand nichts mehr sagen; nur noch schallend lachend unterm Bürotisch verschwinden.

Und noch etwas zum Thema Telefonitis:
Von wegen Frauen telefonieren mehr als Männer. Für den Mann meines Herzens z. B. sind manche Tage ohne eine ausgeprägte fernmündliche Kommunikation verlorene Tage.

Die bessere Hälfte hingegen fasst sich kurz. 


ICH - Geburtstagsmuffel!!!

Die bessere Hälfte, das schwärzeste Schaf unter all unseren Freunden und Bekannten (in dieser Hinsicht jedenfalls), outet sich jetzt mal:  JA!!! Ich bin ein bekennender "Geburtstagsmuffel". Und ich hab so meine Gründe dafür:

1.    Man ist - sprich ICH - gezwungen, fröhlich zu sein ... den ... ganzen ... Tag! Rrrr!!
2.    Man erwartet von mir, dass ich eine Party schmeiße, für die ich immer mehr
        ausgebe, als ich meist an Gegenwert in Geschenken einnehme.
3.    JEDER wird auf mein Alter aufmerksam. (Schrecklich.)
4.    Ich WERDE älter! (Ganz übel!)
5.    Ich muss Kuchen backen. (Au weia! ICH KANN NICHT BACKEN! Kochen ja;
        aber backen - nein; geht gar nicht!)
6.    Ich treffe auf Verwandte, die ich BEWUSST das restliche Jahr gemieden habe.
7.    Die Anzahl der Geburtstagskerzen wird irgendwann peinlich.
8.    Ich muss jedem die Hand schütteln.
9.    Manche muss ich sogar umarmen!?
10.  Wenn ich ganz viel Pech habe, bekomme ich sogar Küsschen ... Bäh!!
11.   Von der Geburtstagstorte werde ich dick. (Will ich schon mal gar nicht!)
12.   Man hört den lieben langen Tag die gleichen abgedroschenen Sprüche.
         (Stichwort: 'Wie fühlt man sich denn so mit .... ?')
13.   Wenn's schlecht läuft, hört man sogar: 'Bist Du aber groß geworden ...' (Häh?)
14.   Bei "Schröder's" will man von mir eine Lokalrunde ausgegeben haben.
15.   Ich komme nicht einmal umsonst ins Kino.
16.   Es kommen Leute zu mir, die ich gar nicht kenne.
17.   Ich muss den ganzen Tag Freude über hässliche Karten und schlechte Geschenke
         heucheln.
18.   Ich bekomme Blumen, obwohl ich Schnittblumen hasse; Pralinen, obwohl die
         meisten wissen, dass ich mich gerade bei den Weight Watchers angemeldet habe
         und Sekt (?), obwohl ich gar keinen Alkohol trinke.
19.   Am liebsten würde ich das Land verlassen, aber man meckert ja schon, wenn ich
         nicht zu Hause bin, um ans Telefon zu gehen.
20.  Jeder der mir gratuliert, dem muss ich auch an seinem Geburtstag gratulieren und
         es wird einem mächtig übel genommen, wenn man's (absichtlich) vergisst.

Es gibt nur einen Grund, morgens an diesem, meinem Geburtstag aufzustehen:

K .. A .. F .. F .. E .. E   !!

Die Punkte 1 bis 20 sind leider nicht auf meinem Mist
gewachsen - aber mal ehrlich:
Ziemlich zutreffend (auf jeden von uns) oder?


Weiß alles - kann alles - unzurechnungsfähig!

Wow!

Das Familienmanagement hat nie angenommen, dass die Phase(n) der Pubertät einfach werden würde(n), dafür hat es sich schon vorher lang und breit informiert. Aber Papier ist ja bekanntlich geduldig und die meisten über die Pubertät verfassten, hoch wissenschaftlich angehauchten Abhandlungen enthalten eh nur die Halbwahrheit; denn wer erinnert sich schon gerne an seine eigene Phase der Unzurechnungsfähigkeit. Das könnte unheimlich peinlich werden.
Aber das es dann doch soooo schlimm werden könnte, das hätte selbst Frau nicht gedacht.

Anfänglich war das Familienoberhaupt ja noch so naiv und ging zum Lachen in den Keller, wenn mal wieder einer dieser Tage mit

- morgendlicher Zickeneinlage,

- die Eltern sind doof,
- die Schule nervt                                             und
- das Leben im Allgemeinen und sowieso ist fürchterlich anstrengend

begann.
Fehlte nur noch, dass der Teenager mit dem Fuß aufstampfte, um seinem Unmut mal Luft zu machen.

Und jetzt:
SCHLUSS mit Mutter - (Vater/betriebsblinder Pädagoge, der immer noch denkt, Kind ist süß und niedlich/daher irrelevant) - Kind Idylle!
Stattdessen Auseinandersetzungen, Provokationen, Grenzüberschreitungen, Wut und Tränen. Das ist nicht nur äußerst anstrengend, sondern Hardcore für die Nerven. Manchmal hat Frau schon Sorge, ob ihr Kind noch „normal“ ist oder ob ihre bisherigen Bemühungen um eine angemessene Erziehung umsonst waren. Nichts verläuft mehr in festen Rhythmen. Die verschiedenen Pubertätsschübe verlaufen meist unregelmäßig und sprunghaft, sodass man kaum noch hinterher kommt und Erholungsphasen sowieso nicht möglich sind.
An solchen Tagen braucht Frau oft ein ziemlich großes Herz und viel innere Ruhe und Sicherheit (Sedative nicht ausgeschlossen), um zwischen pubertärem Übermut und wirklicher Grenzüberschreitung unterscheiden zu können.

Als zertifiziertes Muttertier, wie mich, ist es oft sehr schwer, die richtige Balance zwischen Halten und Loslassen, zwischen Grenzen setzen und Freiraum lassen zu finden. So ist es durchaus möglich, dass der pubertierende Teenager sich morgens stundenlang vor dem Spiegel schminkt, nachmittags mit aller Kraft am Sockel der angestammten Macht rüttelt, um diese mit Gewalt zu stürzen und abends mit dem seit Kindheitstagen geliebten Stofftier Simon schmusend die Kindersendung im Fernsehprogramm verfolgt. Heute noch Lauflernschuhe und morgen schon die High Heels an. Die heutige Jugend rast mit einem Tempo durch die Jahresringe, als ob der letzte Tag vom Schlussverkauf wäre; als ob sie was verpassen würden; als ob morgen schon alles zu spät wäre. Da soll noch jemand mitkommen.

Auch die Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen ist ein schmaler Grad, den es täglich zu meistern gilt. Und so kommt es zu Situationen wie dieser, gegen die 007 ein  Stümper ist. Frau braucht keine Waffen, kein Netz aus Agenten und keine Gewalt. Frau braucht nur ihre Beobachtungsgabe, einen kleinen Intensivst-Hausputz und ein paar ausgiebige Telefonate. Diese Erfahrung macht man spätestens dann, wenn der pubertierende Teenager Geheimnisse vor der allgegenwärtigen Macht zu verbergen versucht.

An einem x-beliebigen Tag in der Woche:

MUTTER:            Na, Schatz, wie war's in der Schule. Und wer bitteschön ist "B. S."?
Tochter:               B. S.? Wer soll das sein?
MUTTER:            Weiß nicht. Steht auf der letzten Seite deines Deutschhefts.
                               Ist es ein Junge?
Tochter:               B. S. ... das heißt ... das steht für 'Biostunde'.
                               Und warum liest du überhaupt in meinem Deutschheft?
MUTTER:            Ich hab' ein Stück Papier und einen Kuli gesucht.
                               So, so; also 'Biostunde'. Ich dachte, es heißt vielleicht "Bengt Schröder"?
Tochter:               Wie ... wie kommst du denn darauf?
MUTTER:            Och, nur so. Weil ... na ja ... da stecken so Briefchen in dem Spalt
                               zwischen deinem Schreibtisch und der Wand. Und Orelie's Mutter sagt,
                               Bengt Schröder hatte schon  mal was mit einem Mädchen.
Tochter:              Du schnüffelst in meinen Sachen herum, während ich weg bin?
                              Und du hast Orelie's Mutter erzählt, dass ich was mit Bengt habe???
MUTTER:           Ja. "B. S." hätte ja auch Ben Schulz sein können.
                              Und mit Ben hast du ja schließlich auf der Klassenfahrt geknutscht.
                              Sagt jedenfalls deine Klassenlehrerin.
Tochter:              Waaas? Frau Kundler weiß auch alles?
MUTTER:            Natürlich ... n-i-c-h-t! Ich will dich ja nicht bloßstelle.
                               Ich hab' einen Vorwand benutzt, um mit ihr zu reden.
Tochter:              Gottseidank! M-O-M-E-N-T ... Mutter (!?), welchen Vorwand?
MUTTER:            Ich hab' ihr erzählt, dass ich Angst hätte, du würdest
                              ... naja ... ähm .... egal.
                              Da hat sie mir das mit dem Knutschen sofort erzählt. Clever, nicht?
Tochter:             Ja, sehr clever! Orelie's Mutter denkt jetzt, ich bin ein verliebter Trottel
                             und meine Klassenlehrerin, ich sei eine Männer verschlingende Harpyie.
                             Und wenn beide nur ein bisschen wie du sind, weiß es morgen die ganze
                             Stadt. Und Bengt hält mich für völlig irre!
                             Vielen Dank, M-U-T-T-E-R!
MUTTER:           Keine Angst, mein Schatz. Mit Bengt hab' ich alles geklärt. Netter Junge.
                              Er kommt gleich mit seiner Mutter zum Kaffee vorbei.
Tochter:             Waaaas ??? Und was... hast ... du ... Bengt ... erzählt????
MUTTER:           Dass er sich keine Sorgen machen muss.
                             Ein Mädchen, das mit 15 noch mit seinem Stofftier knuddelt,
                             hat mit ... ähm ... ja ... egal ... bestimmt noch nichts am Hut......

(So bin ich natürlich nicht! Dies hier ist  mit einer sehr spitzen Feder gepinselt!)

Wobei wir auch gleich beim zweiten Thema wären.

Anfangs war ich immer ein wenig stolz, als es noch vor kurzem hieß: "Jungs sind doof!"

Aber nein, liebe Freunde des gestreuselten Kuchens. Nix. Nada. Niente. Das war mal. Wieder so eine Naivität meinerseits. Jungs sind schlagartig und über Nacht auf einmal nicht mehr doof. Das derzeitige Leben des Teenagers ist dahingehend eine einzige Baustelle - zahlreiche Verehrer und deren Terminkoordination und die erste Liebe sowieso. Da stehen die Alarmsignale beim Hausvorstand auf (knall)-rot.

Die erste (große) Liebe!
Schön, wenn man sie erleben darf, aber für das amtierenden Familienmanagement ein Zustand, bei dem man manchmal den Eindruck hat, der Teenager sei von einem anderen Stern. Ein Alien, der nur durch Zufall auf unserer Erde gelandet ist. Oder wie sollte man sich diesen leicht glasigen Blick und das festgemeißelte Grinsen beim Anblick jedes testosterongesteuerten Geschlechts im Alter zwischen 15 und 16 Jahren, welches einem gerade über den Weg läuft, deuten?

Waren wir selbst auch so?  Ähm ... glaub schon; aber das sage ich lieber nicht laut.
Jeder von uns kennt ihn doch, diesen durchaus wunderbaren Zustand zwischen Euphorie, Schmerz, Hoffnungslosigkeit und einer Debilität, der man sich nicht bewusst ist und die einen merkwürdige Dinge tun lässt.

Und somit herrscht kein Zweifel:
Der Teenager befindet sich gerade im Frauen-Wunderland, im Liebestaumel oder gelinde gesagt, er ist dem Trugspiel wilder Hormone erlegen. Er ist verliebt (!).

Zwecklos, ihm jetzt zu erläutern, dass 

Mann:                          - meist in jeder Hinsicht grobmotorisch und
                                       - einem "Schlag-ihr-auf-den-Kopf-und-schleif-sie-in-die-Höhle"
                                         Denken anhänglich ist
und das Frau zwar: -  eine junge, hübsche, schöne, gepflegte, emanzipierte,
                                         aber in den Augen des Mannes nur zu dekorativen, vereinzelt
                                         auch zu repräsentativen Zwecken geeignete Person ist.
                                         Sie kann für seine Entspannung eine große Hilfe sein;
                                         im Allgemeinen aber nur ein Allzweckmittel zur Aufrechterhaltung
                                         eines Haushalts ist.
                                         In erster Linie vertritt Mann die Auffassung, dass es sich bei Frau
                                         um ein Wesen handelt, welches lebt, aber dem Mann tierisch auf
                                         den Sender geht; welches schamlos seine Kreditkarte bis zum
                                         Abwinken ausnutzt und die sich erdreiste, für Mann
                                         Entscheidungen zu treffen.

Der ewige Konflikt zwischen Mann und Frau - er ist so alt, wie die Menschheit selbst.

Sinnlos in diesem Zusammenhang auch nur annähernd zu erwähnen, dass der 'Erste' meist nie der Letzte sein wird; andere Mütter haben auch schöne Söhne.
Erfahrung und Weisheit des Managements in dieser Hinsicht werden vom zurzeit debilen Teenager in den Wind geschlagen. So etwas kann M-U-T-T-E-R'n nicht mehr wissen, dazu ist die Alzheimer schon zu weit fortgeschritten. Und: War sie überhaupt einmal jung?

Also was gibt es in dieser prekären Lage Besseres für Frau, als die ganze Sache mit der Pubertät und der ersten Liebe mit einer gehörigen Portion Humor zu nehmen.
Denn bekanntlich ist Humor, wenn man trotzdem lacht.

Und wenn es dann mal wieder gar nicht mehr auszuhalten ist, denkt Frau daran:

                                       In einigen Jahren werden wir vielleicht mit ein
                                       bisschen Abstand und mit Kopfschütteln und
                                       Schmunzeln an die Episoden aus dieser Zeit denken.
                                       Überschrift:
                                       „Weißt du noch, als Du 15 warst ...“.

                                       Kinder haben selten auf die ältere Generation gehört,
                                       aber nie versäumt, sie nachzuahmen.







Feiern, feiern, feiern … oder
Der Perfektionist, das unbekannte Wesen 

Familie ist doch etwas Herrliches. Besonders die, die Frau umgibt ist unheimlich spannend. Allen anderen Menschen kann sie definitiv aus dem Wege gehen; diesem, ihrem Teil der Familie nicht – ein Entkommen - völlig ausgeschlossen. In sie ist sie vor Jahren aufgenommen worden und muss sie von nun an so nehmen, wie sie nun halt mal ist. Manchmal ziemlich schrullig, zeitweise "normaler", als alle Anderen, aber meist absolut liebenswert.

Und wäre ihre Welt nicht furchtbar langweilig, wenn sich die beste aller Ehefrauen nicht ab und zu aufregen, lästern und beim Bügeln Mordszenarien schmieden könnte über die liebe Verwandtschaft?
Frau findet es mittlerweile toll, dass ihre Welt so voll gestopft ist mit fast erdrückenden Umarmungen und mit Atombusen ausgestatteten Schwiegermüttern, langhaarigen Schwiegervätern, autoritären und spitzzüngigen Schwägerinnen nebst durchgeknallten Schwagern und so manchen Nichten und Neffen in reichlicher Zahl.
Ja, in dieser Hinsicht ist ihre kleine Welt bunt, sehr bunt, oft viel zu bunt und sie kann sie manchmal nur mit einer gehörigen Portion Humor ertragen. Aber die richtige Einstellung zählt ja und somit kann diese ihre Verwandtschaft unglaublich großen Spaß machen. Alle lieben sich, hauen sich bei diversen, oft anstrengenden Diskussionen die Köppe ein (und manchmal auch was auf den Kopp..), stehen zeitweise Kurz-vor-der-Klapse-Problemen, könnten stellenweise vor Wut in irgendwelche Stahlträger beißen, aber im Endeffekt kommen alle immer wieder gerne zusammen und feiern, feiern, feiern … und darum geht es hier.

Und so pfiffen es die Spatzen schon lange von den Dächern: Mitte des Jahres wird wieder mal gefeiert. Ein absoluter Hype bahnt sich an. Diesmal keine Hochzeit, keine Taufe (oder anders herum), kein runder Geburtstag, keine Schließung einer gleichgeschlechtlichen Ehe, keine Beerd… - naja, auch das gehört dazu.

Und da Frau gern Perfektionistin ist, was nicht heißen soll, dass sie an irgendwelchen Minderwertigkeitskomplexen, einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung, geringem Selbstwertgefühl oder Sonstigem leidet - nein es macht ihr einfach Spaß zu planen und zu organisieren - wird die Sache ganz groß aufgezogen. Vorprogrammierte Symptome, wie Schlaflosigkeit, Magenprobleme, Migräne etc. sind für sie vernachlässigbare Kollateralschäden. Zu den durch Streßattacken ausgelösten Rückenschmerzen später mehr.

Also legt sie ein dreiviertel Jahr vorher schon mal los:
Aber wie plant man so eine perfekte Party, an die sich noch Monate oder Jahre später alle Familienmitglieder erinnern? Wen läd man offiziell zur „Feierstunde der Lebenswende“ ein? Welche Getränke muss Frau kaufen? Und wie viele? Was wird es zu essen geben? Wer legt die Musik auf? Fragen über Fragen. Mittelmaß und „Schema F“ kommen für sie nicht in Frage. Langweilig.

Tja und da fängt dann der ganze „Schlamassel“ an: Da kleben wieder bunte Zettelchen am Lenkrad, hängen überdimensionale Listen in der Küche, Ablaufpläne gleich daneben. Eine gewisse Linie sollte das Ganze schon haben:

   Wecker 7 Uhr (von der Liste gestrichen, da Frau eh ab 5 Uhr so was von wach ist),
   Friseurtermin 8 Uhr,
   Abfahrt zum Festakt 9.30 Uhr,
   Parkplatzsuche ab 10 Uhr,
   Suche nach Onkel Tom, Tante May, Götz, Entje und den Kindern, denn die sind
   immer plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ab 10.30 Uhr,
   Einlass 11 Uhr,
   eigentlicher Festakt 90 Minuten,
   Fototermin 13.30 Uhr
   Mittagessen 14-15 Uhr,
   Rückfahrt,
   Eintreffen aller anderen Gäste und dem Rest der werten Familie 16 Uhr,
   Kaffee und Kuchen 17 Uhr,
   Aperitif 18 Uhr, leise Hintergrundmusik,
   Buffet-Eröffnung 19 Uhr,
   DJ ab 20 Uhr,
   ab 23 Uhr noch mal VOLLGAS,
   Mitternachts-Snack ca. 24 Uhr,
   Sperrstunde ?? – hoffentlich noch vor 3 Uhr.

Darüber hinaus stapeln sich unzählige Speisekarten diverser Restaurants auf dem Schreibtisch. Da werden Gästelisten geschrieben und selbst designte Einladungskarten - weil 08/15 is nich – gebastelt und verschickt. Die perfekte Sitzordnung beim Mittag fordert schon ein halbes Jahr vor der Party von Frau alles. Zirka 1.000 x ent- und dann doch wieder verworfen, neu geschrieben und irgendwo unter einem Berg von Rechnungen auf dem Schreibtisch verbuddelt und nicht wieder gefunden. Weg – einfach in Luft aufgelöst. Also alles wieder auf Anfang. Die Zeit drängt.

Pedanterie: kann sein. Detailversessenheit: definitiv JA.

So nebenbei geht Frau noch ihrem täglichen Broterwerb nach, verlässt morgens im Eiltempo das Haus - pünktlich wie immer, ihre Stiefel blitzen, die Frisur sitzt. Danach ein artiger Abschiedskuss für den an der Schule abgelieferten Teen, schnell weiter in Richtung Büro, oft allgemein gültige Verkehrsregeln missachtend.
Auch im Büro arbeitet sie hart, verlässt es nach 8 Stunden, hastet mit vollen Einkaufstüten nach Hause, schmeißt den Haushalt, beschwichtigt die erhitzten Gemüter des durchgeknallten Teenagers und von Männe, kocht Suppe, trinkt mit dem werten Gatten noch ein Glas Wein. Und immer zum Absprung bereit, denn der Flur muss noch gemalert werden, was dann meist bis weit nach Mitternacht der Fall ist. Warum? Tja, das fragt sich Männe auch immer wieder und vor allem warum um diese Gott-verdammte-Zeit? Leider kann ihm das die beste Ehefrau von allen auch nicht recht beantworten, aber Stillstand ist tödlich. Tja, das Leben ist halt kein Kindergarten.

Und so plätschert die Zeit so vor sich hin, aber das sollte sich ganz schnell ändern.
Kurz vor der Zielgeraden überschlägt sich dann doch wieder alles. Hin ist die perfekte Planung eines erneuten Patchwork-Family-Events.
Die gesamte Nachbarschaft wird mobilisiert und ist auf den Beinen. Da werden Tische geschleppt und Stühle über Gartenzäune gehoben, Kisten und Kästen mit Geschirr, Besteck und Gläsern per Bollerwagen über die Straße gezerrt, Zelte werden aufgebaut und Biertischgarnituren aus Autos gezerrt. Und dann … tja und dann geht auf einmal gar nichts mehr.

Ahhhh!!! Warten und einfach in der Position verharren, in der man sich gerade befindet, egal wie blöd sie aussieht. Abwarten bis der Schmerz, der einen wie ein Blitz trifft, nachlässt. Shitt; immer dann, wenn man es gar nicht gebrauchen kann, ist es ganz besonders schlimm. Nicht nur die Bandscheibe, nein jetzt sind auch die Halswirbel betroffen. Nichts geht mehr, keiner kann helfen.
Die Nachbarschaft hat sich völlig erledigt durch den Antrieb von Frau wieder in ihre Häuser zurückgezogen, Männe malträtiert den Autobahnbelag, der Teen ist (hoffentlich) in der Schule. Macht nichts. Frau kennt das; weiß wo ihr Giftköfferchen steht und schleppt sich nach Art des Glöckners von „not (’re) fun“ zurück ins Haus. Das sich dort bietende Spiegelbild bringt sie selbst zum Lachen. Ha! Was für eine Komik.

Mitten in diesem Szenario schellt das Telefon und spielt Beethovens No. 9. Das verheißt nichts Gutes. Ein Blick auf das Display lässt einem folgende Worte in den Sinn kommen:

     Lieber Gott ich bitte dich,
     gib mir die Weisheit, meinen Chef zu verstehen
     gib mir die Liebe ihm zu verzeihen
     gib mir die Geduld seine Taten zu begreifen
     aber lieber Gott, schenk mir keine Kraft,
     denn wenn du mir Kraft schenkst, dann hau' ich ihm eine rein.

Dass Frau eigentlich Urlaub hat und wir uns schon lange keine Sklaverei mehr auf die Fahnen geschrieben haben, scheint bei ihm irgendwie noch nicht angekommen zu sein. Nun ja, manche Dinge brauchen eben etwas länger. Workaholic hin oder her, Strichcode im Nacken oder „MEIN’S“ auf die Stirn tätowiert - JETZT passt so ein An- bzw. Hilferuf garantiert nicht! Aber das Ganze nützt alles nichts. Der Schwall von Erklärungen über die Auffindung „hoch wichtiger“ Dokument prallt gänzlich an ihm ab und so schwingt Frau ihren etwas desolaten Körper einen Tag später um 6.00 Uhr ins Automobil und fährt in Richtung Stätte des Absolutismus. Ist sie nun tüchtig oder süchtig? Schwer zu sagen. Definitiv aber erkrankt - und das nicht nur physisch.

Einige Stunden nach der Rückkehr aus der Heimstätte des Wahnsinns trifft ein weiterer Helfer ein, der die Wohnung auf Vordermann bringen soll. Selbst der Teen wird am Schlawittchen genommen und Zähne knirschend und wilde Schimpftriaden von sich gebend in das Mysterium von Scheuerlappen, Staubwedel & Co eingewiesen. ‚Hiergeblieben!‘ lautet die äußerst autoritäre Ansage des Hausvorstandes aus erster Generation. ‚Nix von wegen ich muss mal schnell zu XYZ.‘

Im Hintergrund rumpeln die Brotbackautomaten und geben ihr Bestes. Da werden Salate für eine ganze Kompanie gerichtet, unzählige Kuchen gebacken und Mitternachtssuppen gekocht. Zwischendurch wird noch das Auto aus der Werkstatt geholt und dem unliebsamen Nachbarn verkündet, dass da etwas steigt. Der weiß natürlich schon Bescheid, da ihn allein schon das Gewusel in Nachbars Garten stört und ist ja „so was von begeistert“. 'Wir sollen uns doch gefälligst an die übliche Sperrstunde halten und alle anderen Nachbarn seien ja sowieso nicht davon begeistert, dass es etwas lauter werden könnte‘, so seine Ansicht. Tja falsch gedacht - HASE, denn alle anderen Nachbarn sind eingeladen und feiern mit, so der Kommentar des Familienoberhaupt's. Dazu fällt ihm als Retour nichts mehr ein und das Gespräch ist beendet. ARMLEUCHTER!

Der nächste Morgen beginnt früh. Viel zu früh für Frau und für alle anderen Mitstreiter auch. Die ersten Gäste kamen schon in der Nacht und es muss dafür gesorgt werden, dass sie eine gute Grundlage für den bevorstehenden Tag erhalten. Beim Kaufmann an der Ecke dann der erste Kontakt mit der Außenwelt. Frau Bäckermeisterin, mit der man zudem auch noch privaten Umgang pflegt, ist eine Frau der resoluten Sorte und teilt einem auf ihre eigene gefühlvolle Art und Weise mit, wie übel und elend man doch aussieht. „Meine Güte, welcher LKW hat dich denn heute Nacht überfahren?“ oder  „Na, wieder die halbe Nacht mit Freund Jack Daniels auf der Wache verbracht?“ Na toll, ganz super. Danke für die aufmunternden Worte und den verschleierten Hinweis auf einen weit zurückliegenden Abend in grauer Vorzeit. Manche Leute wissen echt einfach zuviel.
In solchen Momenten wünscht sich das Familienmanagement dann doch, dass Teufel Alkohol ihr bester Freund ist, um wenigstens eine triftige Rechtfertigung für’s trostlose Aussehen zu haben. Hey, alles nicht so schlimm, einfach nur lächeln und nicken und daran denken, dass da jemand nachher kommt, der das wieder hinbiegt; der hat das gelernt und dann ist man auch wieder vorzeigbar.

Die Zeit verfliegt und eh man sich versieht, steht man auch schon im großen Entree eines Gebäudes aus Kaisers Zeiten. Alles schiebt, alles drängt. Ellenbogen kommen zum Einsatz. Die unteren Reihen des Saales sind schon mit aufgeregten Elternteilen belegt. Männe, ganz der Grenadier, fuchtelt wild mit den Armen und dirigiert die gesamte Mannschaft in Richtung Empore. Wer aber schon mal auf einer Empore stand, der weiß, dass man von dort in den Schlund des Abgrundes sieht. Just in diesem Moment und mitten im Gang fällt das auch Männe wieder ein, doch da ist es schon zu spät. Die bessere Hälfte steht wie angewurzelt und mit schlotterndem Körper im ersten Drittel der Sitzreihe. Fast verliert sie durch das nicht enden wollende Gezitter noch ihr Handtäschchen. Da geht erst einmal gar nichts mehr – keinen Millimeter. Die Gliedmaßen versagen komplett ihren Dienst und sind mit Blei gefüllt. Höhenangst. Aber andere wollen sich auch setzen, also schiebt Omma von hinten, Männe zerrt von vorn und Onkel Tom läuft eine Reihe darüber mit und lamentiert immer wieder aufs Neue „… nicht nach unten sehen … nicht nach unten sehen.“ Nach endlos erscheinenden Minuten wird Frau rüde in die Polster gedrückt. Uff. Geschafft. Die Menschen neben ihr grinsen. Tom, May, Götz, Entje und die Kinder können sich kaum ein Lachen zwecks der Leichenblässe von Frau verkneifen. Selbst Omma schmunzelt vor sich hin.
Schön, wenn man die Massen auf so einfache Art und Weise begeistern kann. Auch das ist Situationskomik, aber diesmal vom Feinsten.

Die Show ist toll, für jeden ist etwas dabei. Ein Festredner, der aber seinen Beruf verfehlt hat, da er zum Gähnen langweilig ist und Schlager für die Generation Ü 60, Pop und HipHop-Tänzer mit Sixpacks à la Jacob-Fraktion für die Muttis und die Töchter. Und natürlich Tobias H., alias „Tube“. Tube – mit nichts vergleichbar und einfach nur genial. Meine Güte, es gibt doch wirklich noch Leute, die einen viel Größeren an der Klatsche haben, als unser Trio. Auch Omma, mit ihren weit über 70 muss lachen, naja wohl eher über uns, als über diesen Herrn.
Nach 90 Minuten das bewährte Ritual. Augen zu, Männe zerrt, Omma schiebt und Tom – nee Tom sagt gar nix mehr. Der lacht nur noch.

Jetzt schnell zum Mittagessen, wir hinken dem Zeitplan mehr als genug hinterher. Dann im Eiltempo nach Hause. Der Zeitplan - welcher Zeitplan? Mittlerweile ist er völlig über den Haufen geworfen worden. Zu Hause erwarten uns schon die ersten Partygäste. Soviel zur perfekten Ablaufplanung.

Alle sind gekommen. Auch die liebe Verwandtschaft aus dem fernen Westen und auch Schwiegermutti, die mit verheißungsvoll ausgebreiteten Armen auf Frau zugestürmt kommt. Da heißt es nur noch: Antäuschen, links ausweichen und unter dem vollen Busen der Natur hindurch in die Küche entwischen. Die ist nur ohne Brille und mit purer Gelassenheit betretbar. Gab es in unserer Gegend schon mal einen Meteoriteneinschlag? So jedenfalls sieht sie aus und lässt die bessere Hälfte gerade stark an sich selbst zweifeln, ob sie noch alle an der Latte hatte, als sie sie geputzt hat.

Nach reichlichem Genuss von Coffein, dem sowieso vorhandenen Adrenalin und diversen Morphinen gleicht der Körper von Frau über Stunden hinweg einem Flummi. Ein Schwätzchen hier, Getränke nachfüllen dort, schnell mal in die Küche, dann wieder ein Schwätzchen mit der Schwiegermutti und der Schwägerin UND GANZ WICHTIG: der Jugend einen Blick nach Art der Medusa zuwerfen, sobald diese auch nur daran denken in die Nähe der Bar zu kommen.

Aber dennoch, die Party ist ein voller Erfolg. Alle sind zufrieden, die Reste des Buffets reichen noch für die nächsten 14 Tage und die Gespräche verlaufen ohne größere Auseinander- und Verletzungen.
Nur die Jugend fällt mit zunehmendem Abend etwas aus dem Rahmen. Alkohol ist an sich und auch so für alle Teen‘s tabu, aber mit fortschreitender Stunde sinkt die Hemmschwelle auf wundersame Art und Weise. Die mitgeführten Taschen und Beutel bleiben immer am Mann, sodass ein Zugriff unmöglich ist und auch der immense Vorrat an Cola schwindet zusehens.
Was von Frau so schön angedacht war, löst sich - oh wie peinlich - in Wohlgefallen auf. Alle sind - man muss es leider zugeben, obwohl Frau nicht daran schuld ist - aber so was von Blau.

Sonntagmorgen 7.00 Uhr.
Der pelzige Mitbewohner steht bestimmt schon seit einer halben Stunde auf der Brust von Frau, starrt sie Nase an Nase an, fordert irgendwann sein Recht auf uneingeschränkte Aufmerksamkeit und maut schrill wie eine Sirene in das Ohr der allerbesten Ehefrau. Frau zwingt sich, ein Auge zu öffnen und blickt direkt in das nur wenige Zentimeter entfernte Antlitz eines aufgebrachten Katzentiers. Man ist der schwer!
Klare Ansage seinerseits: AUFSTEHEN - SOFORT! Mein Gott, kann der autoritär sein. Ihr Kopf fühlt sich an, als hätte man ihr eins mit der Keule gegeben und der Hals kratzt. Das Wetter draußen ist trist und grau und schon jetzt ist es ein Tag von der ganz fiesen Sorte.

Die Nacht war kurz - megamäßig kurz. Gefeiert wurde, bis der Arzt kam im wörtlichen Sinne - der erste "Krankentransport" ging um 3.30 Uhr. Eine Situation, mit der keiner gerechnet und die schon gar keiner vorhersehen konnte. Akute Luftnot beim Übernachtungsgast. Katzenallergie.
Aber der Teen ist taff, selbst mit semihumanem Kater. Er weckt nicht das zertifizierte Muttertier, sondern greift selbst zum Hörer. Klärt die Situation mit den Eltern und kümmert sich um ein Taxi. Dass der so kurz nach 9.00 Uhr noch nicht wach und ansprechbar ist, ist verständlich. Aber selbst die, die sich wenig später schemenhaft über den zertrampelten Rasen und bei Temperaturen um die +14°C bewegen, sehen nicht so aus, als ob die Synapsen schon rennen. Wie ein Eisbär gerne an die Karibik denkt, so denkt auch hier draußen keiner so gerne an Frühstück oder an Essen im Allgemeinen. Alles verweigert noch seinen Dienst - selbst das Gehirn befindet sich in einer undefinierbaren Grauzone oder ist bei diesen "sommerlichen Temperaturen" eingefroren. Der Hangover kann einzig und allein mit Kaffee bestritten werden, der den Kopfschmerz lindern soll.

Er ist hart, der Morgen nach einer solchen Party: Aufrappeln, aufräumen und vor allem DURCHHALTEN. So die von Männe ausgegebene Parole des Tages.

Die Übriggebliebenen sitzen in ihren Gartenstühlen einfach nur da, mit Augenringen, die fast so dunkel sind wie ihre Pullis, die sie sich am liebsten über den Kopf ziehen möchten. Alle schweigen, blicken starr vor sich hin, als bräuchten sie unheimlich viel Zeit, um Kraft zum Aufräumen und überhaupt für irgendetwas zu finden.
Quintessenz der Dinge, die Frau an einem solchen Sonntagmorgen auf gar keinen Fall sehen möchte: ihr Gesicht und die Küche.

Aber es hilft ja alles nichts. Der Garten gleicht einem Schlachtfeld. Das Fleckchen Erde, das am Vorabend mit all seinem Trubel noch verheißungsvoll wirkte, dem gedämpften Licht und den Fackeln ist jetzt nur noch ein trister Platz.
Die Zelte müssen abgebaut, die Biertische zusammengeklappt und gestapelt werden, die Beleuchtung muss runter; alles noch bevor der Regen kommt.

Also quält sich die beste aller Ehefrauen aus den kuschligen Sitzpolstern und legt in der Hoffnung, dass einige ihre folgen werden, einfach mal los.
Nach wenigen Handgriffen sitzen aber alle wieder. Tom auf der obersten Sprosse der Leiter mit einem Glas Bowle in der Hand (ob der weiß, was er da trinkt? Anders gesagt: Die beste aller Ehefrauen weiß, was drin ist und das, was drin ist, ist ziemlich heftig.), ein anderer liegt auf der Bierbank und hält sich den Kopf. May und die beste aller Ehefrauen haben sich wieder in die dicken Polster der Sitzgarnitur gekuschelt und frieren trotz dicker Daunenjacken so vor sich hin. Hier kommt irgendwie keiner so richtig in die Gänge und ist auch zu nix zu gebrauchen.

Aber ein Gutes hat die Sache:
Frau kann wieder einmal etwas von ihrer To-Do-Liste des Lebens mit einem Teenager streichen und Perfektionismus hin oder her, "Alles oder nichts" bzw. "Das Bessere ist der Feind des Guten" und frei nach R. Schmitz:

Manches ist lange nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Es ist noch viel schlimmer!

In diesem Sinne ... leset und lernet aus meinen Fehlern.


Hilfe, ich habe Urlaub!

Hatte die beste aller Ehefrauen schon erwähnt, dass sie eine unheimlich nette Familie hat? N.E.T.T. - nett - nett - nett - nett!

Jedenfalls diese ihre Familie war der Meinung und das Ganze auch noch einstimmig, dass das Goldstück mal ganz dringend Urlaub bräuchte und Omma ging sogar noch einen Schritt weiter: "Schätzekin ... mach doch mal Urlaub vom ICH ... und dann nimmste gleich noch den Teen mit." kam's ganz leise.
"Wat soll ick von wat machen? ..." Ha ha ha. Zu viele Heimatfilme geguckt oder wat?

Naja, eigentlich hatten sie ja alle recht. Frau brauchte wirklich mal Abstand von all den Irrungen und Wirrungen des letzten halben Jahres.
Momente, die meist so surreal waren, dass Frau einfach nicht anders konnte, als ein breites Lächeln aufzusetzen und einen derben Spruch abzulassen, der die Situation für alle Beteiligten etwas auflockern sollte.

Natürlich haftete den meisten eine gewisse Unbehaglichkeit an oder es erschien das große "P" in den Augen, aber durch blanke Ironie, einen gekonnt platzierten Witz wurde meist alles perfekt überspielt und wenn man damit Männe oder den Rest der Familie formvollendet täuschen kann, hat man doch schon gewonnen, oder?

Augenblicke, in denen man in gesundheitserhaltenden Einrichtungen schon am Eingang per Handschlag und mit seinem vollen Namen begrüßt wird, weil man einmal zu oft das All-inclusive-Paket gebucht hat (hey, wem wird schon solche Ehre zuteil?) oder das eifrige  "Schlächter"-Personal zum Lachen oder Schenkelklopfern bringt, weil Tiefkühltemperaturen in OP-Sälen nicht in den allgemeinen Geschäftsbedingungen erwähnt wurden oder Anästhesisten mit Vokuhila und Nerdbrille, die so durchgeknallt rüberkommen, dass da einem eigentlich Angst und Bange hätte werden müssen. Zudem noch brettharte OP-Tische, auf denen man angeschnallt wird (Wat denken die sich eigentlich dabei? Haben die Angst, dass man während der Narkose vom Tisch springt?) und sich vorkommt, wie Jesus am Kreuz. Ehrlich - solche Assoziationen hat man, wenn man da so liegt.
Oder den ganzen Kapseln, Pastillen & Co., die einen nach mehrfacher Einnahme aussehen lassen, wie Susi Sunshine von den Happy Hippos oder Kanülen, so dick wie Äste, die man sich auch noch selbst in den Körper jagen darf, um dann auch mal von der "Perforation des Bauchraumes" sprechen zu können. Etc. p.p.
Aber nichts desto Trotz: Alles in allem hat Frau einfach nur das Beste daraus gemacht und sich selbst mit schwarzem Humor die Laune aufgebessert. Aber nochmal ... nein nochmal muss man diese Erfahrungen nicht machen.

Hmm und nu ... Urlaub!? Ein Zustand, den das Familienmanagement die letzten Jahre sowas von vernachlässigt hat und das Erholungspotenzial bei ihr meist = 0 war. Bei alledem ist es nun gut vorstellbar, dass das gemeine Fußvolk, sprich Männe, Omma und auch der Teen, anfängt zu wirbelt, um wirklichen, wahrhaftigen Urlaub, so wie die Meisten ihn kennen und mit ganz, ganz weit weg zu organisieren.

Aber wohin soll es denn eigentlich gehen und vor allem, womit wird Frau am besten an den Ort der potenziellen Erholung und Entspannung transportiert?

Mit dem Flieger? In Erwägung gezogen, macht ihr aber Angst.
Mit dem Bus? Auch schon probiert - wird ihr schlecht.
Mit dem Schiff? Klaustrophobie.
Mit dem Zug? Getestet - wird ihr auch schlecht, weil sie aber auch immer das Glück hat, entgegengesetzt der Fahrtrichtung zu sitzen.

Also was machen sie? Schauen Reisefernsehen. Und was buchen sie? 1 Woche "Immenhof" mit Selbstversorgung am Meer, allein schon wegen der Tochter des Hauses, die dann nix mehr zum Nölen hat.

   Meer ist immer gut, denken sie sich, egal bei welchem Wetter.
   Meer ist nicht weit weg.
   Meer macht glücklich.
   Meer klingt nach Unbeschwertheit und Spaß, Lebensfreude und Leichtigkeit.
   Meer sorgt für Klarheit im Kopf und freies Durchatmen.

Und wenn man atmen kann ... dann ... ja dann lässt sich 1 Woche mit dem Teen auch leichter ertragen. Also wird der Crossover schon wegen dem Stauraum, den die vielen Koffer einnehmen werden, aktiviert, denn man kennt sie ja, seine Pappenheimer. 

Und dann wird gepackt. Das heißt, der Hausvorstand wirft wahllos irgendetwas in den Koffer; nur die Tochter des Hauses packt und das ausgesprochen schwergewichtig. Zwecklos sie davon zu überzeugen, dass man für eine Woche Meer nicht das gleiche Gepäck braucht, wie der Kaiser von China für einen Staatsbesuch. Kommentar: Was weißt Du denn schon? Sie denkt, endlich mal die Gelegenheit zu haben, diese nano kleinen Kleidungsstücke vorzuführen, die sie als Kleider bezeichnet. Und als Tochter ringt man mit solch einer Mutter völlig vergebens um einen Hauch von Verständnis. Wie soll man auch einem Minimalisten klarmachen, dass es eben nicht reicht, eine Hose, ein paar Shirts und einen Rock einzupacken.
Die liebste Sommerhose des Teen ist weiß. In diesem Jahr die Trendfarbe schlecht hin. Also muss die mit. Nun sieht Weiß aber am besten aus, wenn es Ton in Ton kombiniert wird. Also muss das passende Shirt auch mit. Dummerweise hat Weiß aber die Vorliebe, Flecken magisch anzuziehen, dass weiß sogar der Teen. Also braucht er noch eine Alternative. Die Jeans? Eigentlich zu warm im Sommer. Andererseits kann es doch manchmal recht windig und kühl werden. Also muss sie mit. Und einen Pulli. Am schönsten ist ja der in Beige mit den dunklen Streifen. Der passt zwar zu den Jeans, aber keinesfalls zur weißen Hose. Allerdings hat man ja noch den Sommerpullover in Marineblau. Der passt zu beiden Hosen. Wobei: Wie viel Platz kann so ein dünner Pulli schon im Koffer verbrauchen? Also packt der Teen beide ein. Mit einem kurzen Rock, ein paar Tops, der Unterwäsche, den dicken und den dünnen Socken, einem Kurzjackett, den Reithosen, den dazu (!) passenden Socken, dem Protektor, der TÜV-geprüften Kopfbedeckung und der Gerte liegt das Gröbste gerade fein drapiert auf dem Bett, als der Herr des Hauses aus den unteren Etagen verlauten lässt: "Am Meer regnet es." Auch das noch. Also muss auf alle Fälle noch die schwere Wachsjacke mit. Kurze Zeit später revidiert sich Männe. "Scherzchen Herzchen!" Aber man weiß ja nie.
So weit, so gut. Was allerdings noch fehlt, sind Schuhe. Und da geht es dann schon wieder los. Unbedingt müssen die flächen Sandalen, die Leinen- und die Turnschuhe sowie die Reittreter mit. Aber man will sich ja vielleicht auch mal in der Stadt zeigen. Also noch die High Heels in den Koffer geschmissen. Die wiederum passen zwar zu den Jeans, aber nicht wirklich zum Rock. Aber Moment. Am besten passen die aber zu dem neuen Kleid. Also packt der Teen das auch noch schnell ein. Und gleich noch ein Zweites - für den Notfall. Die Flip-Flops für den Strand hätte er in der Eile des Gefechts fast vergessen, also rein damit. Dazu kommen noch ein überlanges Shirt in Größe XXXL für die Nacht und eine Jogginghose für die chilligen Stunden, Sonnenschutz, After-Sun, Tagescreme, Shampoo, Haarkur, Haarspray, Bürste 1, Bürste 2, Haarklemmen und -nadeln, Spangen, Zopfgummis, dicker Schal No. 1 und dicker Schal No. 2, Make-up in rauen Mengen, Föhn, Lockenstab - kurzum, alles war man so braucht ... für E.I.N.E   W.O.C.H.E.
Mittlerweile ist der Koffer brechend voll. Dazu die geliebte Louis Vuitton-Handtasche mit Kleinkram und eine Reisetasche mit Technik-Equipment, denn ohne Facebook, WLAN-Stick und einer Antenne für den besseren Empfang geht die Frau von Welt heutzutage gar nicht mehr aus dem Haus. Aber das wars dann auch schon. Für die Tochter des Hauses eine echte Glanzleistung. Im vergangenen Winter hatte sie noch zwei Koffer für Sylt gepackt. "Stimmt", kommentiert Männe, der das Chaos im Zimmer des Teens betrachtet. "...allerdings hat der Koffer, den du jetzt hast, Schiffsmaße." 

Der nächste Tag fängt entspannt an und die Fahrt ist angenehm ruhig, wenn da nicht Beethovens No. 7, Haydn, Mozart & Co. wären. Aggro-Sender, die der besten aller Ehefrauen und auch dem Teen - da schwimmen sie mal auf der gleichen Wellenlänge - die Laune verderben würden. Auch das Männe nicht bleiben kann und nur Hol- und Bringservice spielt, trübt etwas die Laune.

Männe setzt die Tochter des Hauses und Frau mit einem lasziven Lächeln und dem Kommentar "... lerne die urtümliche Art der Gegend einfach mal schätzen ..." wirklich nur ab und fährt wieder gen Heimat.

Ausgesetzt in einer Landschaft, wo es so lustige Ortsnamen gibt wie Ovelgönne und Altfunnixsiel. Die Straßennamen reißen da auch nicht wirklich was raus. Wohnen tun der Teen und das Goldstück in einer Straße namens Rotzmense und der Vermieter heißt Wiard - irgendwie passend zu einem Hof voller Rennsemmeln (Pferde).

Meine Güte, die Leute hier müssen alle ziemlich bekifft gewesen sein, als sie die Vor-, Orts- und Straßennamen vergeben haben.

Die Gegend besteht anscheinend nur aus Gelb, Grün und Blau und ist so still, dass man sich selbst atmen hört.
In den frühen Morgenstunden wird man von hysterischen Grasfressern der Muh- und Määäh-Fraktion geweckt und Pferde donnern um's Haus und denken, sie wären die Titanen der Rennbahn. Und man ist auf's Fahrrad angewiesen! Frau, die die Unsportlichste seit Menschengedenken ist, muss Fahrrad fahren. Der Irre (auch Ehemann genannt), der Frau hierher gebracht hat, damit einmal Ruhe in den täglichen Trott kommt, hat das Auto kurzer Hand wieder mitgenommen. Frau, ein Kind der Vorstadt und die es gewöhnt ist, kurze Wege zu allen möglichen Konsumgütern zu haben, muss sich aufs Fahrrad schwingen, 5 Felder oder mehr hinter sich lassen, um mit der nächsten menschliche Lebensform, eine zivilisierte Konversation zu führen.


Der Bäcker ist gefühlte 50 km weit entfernt. Wenn man den Hof verlässt, hat man die Wahl:
Links herum sind es 7 km zum ersehnten Frühstück, fährt man rechts, sind es 5 km - mit Gegenwind. Für manche - nein viele - alle (?)- ein Klacks, aber die beste aller Ehefrauen und auch der Teen müssen sich ihr Frühstück, Mittag oder sogar Abendessen echt hart erarbeiten.

Eine andere mögliche Variante wären noch die ansässigen öffentlichen Verkehrsmittel. Aber auch da kommt man sich vor, wie in der dritten Welt. Wenn man hier an einer Bushaltestelle steht, sollte man nicht davon ausgehen, dass der Busfahrer automatisch auch anhält. Geben sie hektische Handzeichen, zünden sie zur Not das Wartehäuschen an oder werfen Sie sich - voller Körpereinsatz ist hier strikte Voraussetzung - auf die Straße. Nur so zwingen sie ihn, anzuhalten, damit er sie auch mitnimmt. Unsere westliche Zivilisation scheint in manchen Teilen der Republik noch nicht angekommen zu sein.

Jemand meinte mal: "In der Theorie hören sich Ferien immer so großartig an. Sie sollen gut für das familiäre Zusammenleben sein (Welches?), gut, um wieder zu sich selbst zu finden (Aha!), gut um ein besseres Verständnis für die gesamte Welt zu bekommen (Die gesamte Welt kann mich mal.). In Wahrheit sind Ferien aber harte Arbeit." Recht hat er.

Aber wundersamer Weise hatte Frau trotz Wehleidigkeit und Selbstmitleidsattacken angesichts dieser kognitiven Dissonanzen kein Probleme damit, ihre Zeit rumzukriegen.
Sie las, schlief, kritzelte in zunehmend geistiger Umnachtung impressionistische Bilder auf ein Stück Papier (Picasso malte Tauben - Frau malt Schnecken)

und schaute dem Teen beim Reiten zu und abends forderten sie die Mücken zu einem Tänzchen auf.
Mücken - auch so ein Thema im Urlaub. Leider gehört die beste aller Ehefrauen zu dem Teil der Menschheit, der die Mücken förmlich anzieht. Es verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit unter ihnen, dass Frau gerade in der Gegend ist und wenn sie dann immer blasser wird, wird sie gerade rigoros angezapft.

Zum Ende des ursprünglich gut gemeinten Urlaubs war Frau so erschöpft, dass sie sich nur noch sehnlichst wünschte, nach Hause fahren zu können, den Trott des Alltags wieder zu spüren und dem geliebten Arbeitgeber Frondienst leisten zu dürfen.
Ein Halleluja auf unsere kleine Gemeinde, die so nahe einer großen Metropole liegt.

Kommentar meines Lektors (Insider nennen ihn auch Gatten):
"Falls du jemals psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen musst: Lass' sie/ihn vorher deine Geschichten lesen ... Ehrlich ... da weisse Bescheid."